4.3 Die Sozialisation außenpolitischer Akteure und die Internalisierung von Normen 59
nahmen von außenpolitischen Entscheidungsträgern sowohl auf internationaler Ebene, etwa
im Rahmen internationaler Organisationen oder intergouvernementaler Verhandlungen, als
auch auf innerstaatlicher Ebene, zum Beispiel in Parlamentsdebatten, Parteitagsreden oder in
sonstigen öffentlichen Verlautbarungen. Erkenntnisse über die Verankerung von Normen im
innerstaatlichen Diskurs können schließlich auch durch Medieninhaltsanalysen und Umfra-
gedaten untermauert werden (Checkel 1999: 92–93; Goertz/Diehl 1992: 644–646).
Sofern die Analyse auf diese Weise für eine konkrete außenpolitische Entscheidungssituation
empirische Belege auf die Existenz einer starken Norm findet, erscheint zunächst die
Arbeitshypothese plausibel, dass normenkonformes außenpolitisches Handeln als normenge-
leitetes Handeln erklärt werden kann. Allerdings darf sich die sozialkonstruktivistische
Außenpolitikanalyse nicht darin erschöpfen, eine Korrelation zwischen den Erwartungen
angemessenen Handelns einer starken Norm und staatlicher Außenpolitik aufzuzeigen. Viel-
mehr sind in einem zweiten Analyseschritt Hinweise dafür herauszuarbeiten, dass die Vorga-
ben einer Norm für außenpolitische Entscheidungsträger tatsächlich handlungsleitend ge-
worden sind.
4.3 Die Sozialisation außenpolitischer Akteure
und die Internalisierung von Normen
Der Befund, dass Außenpolitik in Übereinstimmung mit den Erwartungen angemessenen
Handelns einer einschlägigen Norm steht, ist eine notwendige, aber keine hinreichende Be-
dingung für sozialkonstruktivistische Erklärungen von Außenpolitik. Vielmehr ist es dafür in
einem zweiten Analyseschritt erforderlich, normenkonformes, aber interessengeleitetes von
tatsächlich normengeleitetem Handeln zu unterscheiden (Raymond 1997: 219; Goertz/Diehl
1992: 643–644). Nur wenn eine Norm für außenpolitische Entscheidungsträger präskriptiven
Status besitzt, das heißt konstitutiv für deren außenpolitisches Handeln wirkt, ist normenkon-
forme Außenpolitik im sozialkonstruktivistischen Sinn als normengeleitete Außenpolitik zu
erklären (Risse/Sikkink 1999: 29–31) (Abb. 4.1).
Einen solchen präskriptiven Status können Normen über den Mechanismus von Sozialisa-
tionsprozessen erlangen. Im Zuge dieser Prozesse verinnerlichen Sozialisanden die etablier-
ten Verhaltensmuster und Normen ihres sozialen Umfelds. Akteure werden in einen Hand-
lungszusammenhang hinein sozialisiert, indem sie die normativen Anforderungen dieses
Handlungszusammenhangs internalisieren und als Standards ihres Handelns übernehmen.
Dabei durchlaufen Akteure einen Prozess des komplexen Lernens (Nye 1987: 380), der nicht
auf die Mittel und Strategien der Zielerreichung beschränkt bleibt wie in Prozessen einfachen
Lernens, sondern sich auf ihre Handlungsziele selbst erstreckt (Schimmelfennig 1994: 337–
341).
Die maßgeblichen Sozialisanden sind für die Zwecke der Analyse von Außenpolitik die
außenpolitischen Entscheidungsträger in nationalen Regierungen. Die einschlägigen Soziali-
sationsinhalte können sowohl internationale als auch innergesellschaftliche Normen umfas-
sen und werden auf den Wegen der transnationalen und sozietalen Sozialisation vermittelt.
Diese beiden Prozesse stehen in einem engen Wechselverhältnis zueinander und werden sich,
abhängig von der Konvergenz oder Divergenz der Normen auf den verschiedenen Ebenen,
entweder gegenseitig verstärken oder konterkarieren (Boekle et al. 2001: 77–80).
60 4 Konstruktivismus
Abb. 4.1: Leitfragen der sozialkonstruktivistischen Außenpolitikanalyse
Je nach Fortschritt und Dynamik der Sozialisation unterscheidet sich der Grad, zu dem
außenpolitische Akteure eine internationale oder gesellschaftliche Norm internalisiert haben.
Auf einer niedrigen Stufe der Sozialisation haben Akteure Normen nur rudimentär verinner-
licht und entsprechen ihnen entweder aus Zwang oder in Abwägung eigener Nutzenkalküle.
Eine etwaige Konformität von Außenpolitik mit normativen Verhaltenserwartungen beruht
auf dieser Sozialisationsstufe somit nicht auf normengeleitetem Handeln der Entscheidungs-
träger. Erst auf einem höheren Sozialisationsniveau haben Akteure eine Norm soweit verin-
nerlicht, dass sie diese als legitim betrachten und um ihrer selbst willen befolgen. Am weites-
ten fortgeschritten ist die Internalisierung von Normen schließlich dann, wenn Akteure den
präskriptiven Status dieser Normen unhinterfragt voraussetzen und habituell in Überein-
stimmung mit ihren Vorgaben handeln (Wendt 1999: 266–278).
Ist Außenpolitik normenkonform?
Existiert eine Norm, die für eine außenpolitische Maßnahme
einschlägig ist?
Handelt es sich dabei um eine starke und robuste Norm?
Entspricht die außenpolitische Maßnahme den Vorgaben
dieser Norm?
Ist normenkonforme Außenpolitik normengeleitet?
Sozialisationsmechanismen: Gibt es Hinweise auf Prozesse
der Sozialisation, in denen außenpolitische Akteure eine Norm
verinnerlicht haben?
Internalisierungsgrad: Besitzt eine Norm für außenpolitische
Akteure einen präskriptiven Status?
Eine sozialkonstruktivistische Erklärung von Außenpolitik
ist plausibel.
Leitfrage I
Wenn
„Ja“
Leitfrage II
Wenn
„Ja“

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