130 7 Der bürokratietheoretische Ansatz
als Akteure regierungsinterner Verhandlungen in Betracht zu ziehen sind. Zweitens sind für
diese Akteure die außenpolitischen Standpunkte zu identifizieren, die sie in die Verhandlun-
gen einbringen. Diese Standpunkte werden nach dem bürokratietheoretischen Modell we-
sentlich durch die bürokratische Position eines Akteurs innerhalb der Regierung geprägt. Der
dritte Analyseschritt widmet sich schließlich dem relativen Einfluss von unterschiedlichen
bürokratischen Akteuren in der außenpolitischen Entscheidungsfindung, der durch die insti-
tutionellen Einflusschancen und die Ressourcen bedingt ist, die ein Akteur dank seiner büro-
kratischen Position nutzen kann. Dabei sind in der empirischen Anwendung für jeden der
drei Analyseschritte verschiedene Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen der Ansatz
mehr oder weniger Aussagekraft besitzt.
In der weiteren Forschung gilt es nicht zuletzt, verstärkt die Frage der Generalisierbarkeit
bürokratietheoretischer Erklärungen für außenpolitische Entscheidungen jenseits des US-
amerikanischen Kontextes in den Mittelpunkt zu rücken. Hierzu sind insbesondere verglei-
chend angelegte Studien erforderlich, die den Ansatz systematisch auf seine Erklärungskraft
in parlamentarischen Demokratien, nicht demokratischen Systemen und in Staaten des Glo-
balen Südens überprüfen und damit die Grenzen seiner empirischen Reichweite ausloten.
Ebenso zu begrüßen wäre eine thematische Ausdifferenzierung bürokratietheoretischer Ana-
lysen, um zusätzliche Erkenntnisse über den analytischen Nutzen des Ansatzes über den
Bereich der Sicherheits- und Militärpolitik hinaus zu gewinnen. Schließlich sollte sich die
bürokratietheoretische Forschung stärker der Frage zuwenden, unter welchen Bedingungen
die im Ansatz angenommenen bürokratischen Konflikte und Verhandlungen in außenpoliti-
schen Entscheidungsprozessen tatsächlich zu erwarten sind (vgl. Preston/Hart 1999). Bu-
reaucratic politics wäre in solchen Studien nicht die unabhängige Variable zur Erklärung von
Außenpolitik, sondern die abhängige Variable, die gegebenenfalls mit anderen Ansätzen der
Außenpolitikforschung zu erklären wäre (Kap. 12.2). Ein solcher Perspektivenwechsel könn-
te wiederum zu einer klareren Abgrenzung des empirischen Anwendungsbereichs (scope
conditions) bürokratischer Erklärungen von Außenpolitik beitragen.
7.5 Literatur
Allison, Graham T. (1969) Conceptual Models and the Cuban Missile Crisis. American Political
Science Review 63(3), 689–718.
Allison, Graham T. (1971) Essence of Decision: Explaining the Cuban Missile Crisis. Boston: Little,
Brown and Company.
Allison, Graham T./Halperin, Morton H. (1972) Bureaucratic Politics: A Paradigm and Some Policy
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Allison, Graham T./Zelikow, Philip (1999) Essence of Decision: Explaining the Cuban Missile Crisis,
2. Auflage. New York: Longman.
Art, Robert J. (1973) Bureaucratic Politics and American Foreign Policy: A Critique. Policy Sciences
4(4), 467–490.
Ball, Desmond J. (1974) The Blind Men and the Elephant: A Critique of Bureaucratic Politics. Austra-
lian Outlook 28(1), 71–92.
Bendor, Jonathan/Hammond, Thomas H. (1992) Rethinking Allison’s Models. American Political
Science Review 86(2), 301–322.

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