194 11 Das Groupthink-Modell
menden Entscheidungen werden dabei nicht thematisch definiert (Entscheidungen über den
Einsatz von Gewalt etc.), sondern über ihre Qualität. So wird das Groupthink-Modell zur
Erklärung außenpolitischer „Fiaskos“ (Janis 1982) genutzt (Tab. 11.1). Dem Fokus dieses
Bandes Rechnung tragend, wird die nachfolgende Diskussion des Groupthink-Modells, das
einen „truly interdisciplinary impact“ (Turner/Pratkanis 1998: 106) gehabt hat und entspre-
chend in einer Vielzahl von wissenschaftlichen Disziplinen diskutiert worden ist, auf die
Außenpolitikforschung begrenzt.
Tab. 11.1: Kernaussagen, Referenzautoren und zentrale Werke des Groupthink-Modells
Kernaussagen
Der analytische Fokus des Groupthink-Modells liegt auf der außenpolitischen Entscheidungsfindung in
Kleingruppen.
Groupthink ist dann vorhanden, wenn das Streben nach Übereinstimmung innerhalb einer Entschei-
dungsgruppe alle anderen Aspekte (inkl. der Suche nach der bestmöglichen Lösung für den von der
Gruppe zu bearbeitenden Sachverhalt) überlagert.
Die hierdurch ausgelösten Symptome von Groupthink führen zu einem fehlerhaften Entscheidungspro-
zess.
Da das Modell davon ausgeht, dass die Qualität des Entscheidungsprozesses die Qualität der Entschei-
dung beeinflusst, führt das Auftreten von Groupthink mit großer Wahrscheinlichkeit zu schlechten
Politikergebnissen – und mitunter sogar zu außenpolitischen „Fiaskos“.
Referenzautoren Zentrale Werke
Irving Janis
Groupthink. Psychological Studies of Policy Decisions and Fiascoes, 2. Auf-
lage. Boston et al.: Houghton Mifflin, 1982.
Paul ’t Hart
(mit Eric Stern und Bengt Sundelius) (Hrsg.) Beyond Groupthink. Political
Group Dynamics and Foreign Policy-Making. Ann Arbor: University of Mich-
igan Press, 1997a.
James Esser
Alive and Well after 25 Years: A Review of Groupthink Research. Organiza-
tional Behavior and Human Decision Processes 73(2–3), 116–141, 1998.
Mark Schafer/
Scott Crichlow
Groupthink Versus High-Quality Decision Making in International Relations.
New York: Columbia University Press, 2010.
11.1 Das Modell
Der analytische Fokus des Groupthink-Modells liegt auf außenpolitischen Entscheidungen in
Kleingruppen. Zunächst ist zu klären, ob jede Entscheidungsgruppe bzw. jede Person inner-
halb einer solchen Gruppe zum „Opfer von Groupthink“ (victim of groupthink) werden kann,
verstanden als „a deterioration of mental efficiency, reality testing, and moral judgment that
results from in-group pressures“ (Janis 1982: 9). Janis verweist einerseits darauf, dass be-
stimmte Persönlichkeitsfaktoren (Stressverhalten etc.) von Personen dazu führten, dass sie
für Groupthink besonders empfänglich seien. Andererseits betont er, dass selbst Personen,
deren Charaktereigenschaften (großes Selbstvertrauen etc.) eigentlich dagegen sprächen, sich
11.1 Das Modell 195
Gruppenzwängen zu unterwerfen, Opfer von Groupthink werden können (Janis 1982: 242–
243). Seine Antwort auf die Frage, welche Personen empfänglich für Groupthink sind und
welche nicht, fällt entsprechend eindeutig aus: „In certain powerful circumstances that make
for groupthink, probably every member of every policy-making group, no matter whether
strongly or mildly predisposed, is susceptible“ (Janis 1982: 243; unsere Hervorhebung).
Abb. 11.1: Die Komponenten des Groupthink-Modells
Angepasste und ergänzte Darstellung nach Janis (1982): 244.
Prinzipiell kann somit jede Gruppe Opfer von Groupthink werden. Gleichwohl verweist Paul
’t Hart (1994: 196) auf bestimmte Typen von Entscheidungsgruppen, die von Groupthink-
C
Symptoms of Groupthink
Type 1: Overestimation of the Group (Illusion of Invulnerability; Belief in Inherent Morality of
the Group)
Type 2: Closed-Mindedness (Collective Rationalizations; Stereotypes of Out-Groups)
Type 3: Pressures Toward Conformity (Self-Censorship; Illusion of Unanimity; Direct Pressure
on Dissenters; Self-Appointed Mindguards)
D
Symptoms of Defective Decision-Making
Incomplete Survey of Alternatives; Incomplete Survey of Objectives; Failure to Examine Risks of
Preferred Choice; Failure to Reappraise Initially Rejected Alternatives; Poor Information Search;
Selective Bias in Processing Information at Hand; Failure to Work Out Contingency Plans
Observable
Consequences
Concurrence-Seeking (Groupthink Tendency)
A
Decision-Makers Constitute a
Cohesive Group
B-1
Structural Faults of the
Organization
Homogeneity of Members’ Social
Background and Ideology
Lack of Norms Requiring
Method-ological Procedures
Insulation of the Group
Lack of Tradition of Impartial
Leadership
B-2
Provocative Situational Context
High Stress from External Threats
with Low Hope of a Better
Solution than the Leader’s
Low Self-Esteem Temporarily
Induced by: Recent Failures;
Excessive Difficulties on Current
Decision-Making Task; Moral
Dilemmas
Antecedent Conditions (Observable Causes)
E
Low Probability of Successful Outcome
etc.
etc.

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