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Automotive SPICE in der Praxis: Interpretationshilfe für Anwender und Assessoren by Jörg Zimmer, Lars Dittmann, Klaus Hörmann, Markus Müller

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2 Interpretationen zur Prozessdimension
136
2.16 SUP.8 Konfigurationsmanagement
2.16.1 Zweck
Zweck des Prozesses ist es, die Integrität
85
aller Arbeitsprodukte eines Prozesses
bzw. eines Projekts herzustellen, aufrechtzuerhalten und diese allen betroffenen
Parteien zur Verfügung zu stellen.
Beim Konfigurationsmanagement (KM) hat das Konfigurationsmanagementsys-
tem eine zentrale Bedeutung. Darunter verstehen wir die Kombination aus einem
(oder mehreren) KM-Werkzeug(en) (d.h. Software, die die physische Speicherung
und Handhabung unterstützt) und den damit verbundenen Regeln (Vorschriften,
Prozessen, Konventionen, z.B. für Änderungsmanagement, Versionierung oder
Zugangsbeschränkung). Das KM-Werkzeug muss nicht unbedingt eine spezielle
Konfigurationsmanagementsoftware sein. Es kann sich auch z.B. um eine Ablage
auf einem Dateisystem handeln. Je weniger Möglichkeiten das KM-Werkzeug
bietet, umso mehr muss dies durch entsprechende Regeln unterstützt werden.
86
2.16.2 Besonderheiten in der Automobilindustrie
Durch die gleichzeitige Entwicklung in verschiedenen Disziplinen (Hardware,
Mechanik, Software etc.) liegt hier eine heterogene Werkzeugumgebung vor: Für
Software wird meistens eines der üblichen KM-Werkzeuge eingesetzt. Werkzeuge
für mechanische Konstruktion (CAD) und Leiterplattenlayout enthalten norma-
lerweise ein eigenes Versionierungssystem. Stücklisten werden z.B. über SAP ver-
waltet. Oft wird eine Reihe von Dokumenten (z.B. Pflichtenhefte, Designdoku-
mente) absichtlich nicht in einem KM-Werkzeug gehalten, sondern auf dem
Dateisystem z.B. unter Windows abgelegt. Der Grund dafür ist typischerweise,
dass nicht alle Projektbeteiligten Zugriff auf ein KM-Werkzeug haben oder nicht
in der Nutzung geschult sind.
Diese Konstellation macht Konfigurationsmanagement schwieriger als in
einem reinen Softwareprojekt: Die Organisation muss eine Systematik schaffen,
die es erlaubt, zu bestimmten Zeitpunkten (z.B. Liefertermine von Prototypen)
die einen Entwicklungsstand umfassenden Konfigurationselemente (z.B. Doku-
mente, Codemodule, Daten, Entwicklungsumgebungen) als zusammengehörig zu
kennzeichnen (eine sogenannte Baseline). Dies kann dadurch geschehen, dass in
jedem der Werkzeuge eine lokale Baseline gezogen wird und die Zusammengehö-
85. Integrität bedeutet umgangssprachlich Unversehrtheit und Vollständigkeit. Unter Dateninte-
grität versteht man in der Informatik Korrektheit und Konsistenz (Widerspruchsfreiheit).
Nach IEEE Std. 610.12-1990 wird unter Integrität das Verhindern von unerlaubtem Zugriff
und unerlaubter Änderung von Daten verstanden.
86. Bei der Ablage auf einem Dateisystem fehlt z. B. die automatische Versionierung. Die Versio-
nierung wird dann manuell vorgenommen nach genau festgelegten Regeln.
137
2.16 SUP.8 Konfigurationsmanagement
rigkeit z.B. in einer Tabelle spezifiziert wird. Alternativ können Daten vom Ver-
antwortlichen im KM-Werkzeug abgelegt und von dort automatisch auf eine all-
gemein zugängliche Dateiablage gespiegelt werden. Die meisten KM-Werkzeuge
unterstützen dieses Vorgehen. In der Praxis sind bei Konfigurationsmanagement
in der Automobilindustrie oft Schwächen bei der Koordination der Disziplinen
anzutreffen.
2.16.3 Basispraktiken
BP1: Entwickle eine Konfigurationsmanagementstrategie
87
. Entwickle eine Kon-
figurationsmanagementstrategie mit KM-Aktivitäten, einem Lebenszyklusmo-
dell, Verantwortlichkeiten und Ressourcen zur Durchführung dieser Aktivitäten.
Anmerkung: Die Konfigurationsmanagementstrategie sollte in einem KM-Plan
dokumentiert werden.
Anmerkung: Die Konfigurationsmanagementstrategie sollte auch die Handha-
bung von Produkt- und Softwarevarianten unterstützen.
Hierzu gehört die prinzipielle Vorgehensweise bezüglich Konfigurationsmanage-
ment, d.h. die Aktivitäten und deren Zeitpunkte, wie z.B.:
Ab wann wer was (d.h. welche KM-Elemente) unter KM zu stellen hat (z.B.
ab welchem Meilenstein oder welchem Reifegrad des Konfigurationselements).
Hinweis für Assessoren
In diesem Prozess sollte zumindest Folgendes geprüft werden:
Falls es verschiedene Disziplinen im Projekt gibt (Hardware, Mechanik,
Software etc.), existiert dann ein überzeugendes Konzept für ein werkzeug-
übergreifendes KM? Sind insbesondere die Brüche zwischen den Entwick-
lungswerkzeugen kompensiert worden?
Ist die grundsätzliche Auswahl der KM-Elemente ausreichend, um eine
Baseline vollständig zu beschreiben? Das heißt, kann man anhand der
KM-Elemente einen Entwicklungsstand vollständig rekonstruieren?
Werden Änderungen nachvollziehbar dokumentiert?
Finden Konsistenzprüfungen der einzelnen KM-Elemente und Baselines
(zumindest vor Auslieferungen) statt?
Es sollte auf jeden Fall Einblick in das KM-Werkzeug genommen werden und
dabei u. a. stichprobenartig Änderungen an KM-Elementen in Hinblick auf die
Nachvollziehbarkeit von Änderungshistorien begutachtet werden.
87. Anmerkung: Auf Level 1 werden durch diese Basispraktik bereits grundlegende Planungs-
elemente gefordert, während auf Level 2 mit den generischen Praktiken von Prozessattribut
PA 2.1 weitere hinzukommen.

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