O'Reilly logo

Automotive SPICE in der Praxis: Interpretationshilfe für Anwender und Assessoren by Jörg Zimmer, Lars Dittmann, Klaus Hörmann, Markus Müller

Stay ahead with the world's most comprehensive technology and business learning platform.

With Safari, you learn the way you learn best. Get unlimited access to videos, live online training, learning paths, books, tutorials, and more.

Start Free Trial

No credit card required

2 Interpretationen zur Prozessdimension
216
Zu Level 3
Die wesentliche Neuerung für diesen Prozess auf Level 3 besteht in der Standardi-
sierung der Vorgehensweise der Prozessverbesserung und in Tailoring-Möglich-
keiten für verschiedene Verbesserungsteams. Dies ist insbesondere für größere
Organisationen interessant.
2.23 REU.2 Wiederverwendungsmanagement
2.23.1 Zweck
Zweck des Prozesses ist es, ein organisationsweites Wiederverwendungspro-
gramm zu planen, einzuführen, zu managen, zu steuern und zu überwachen und
systematisch Möglichkeiten der Wiederverwendung zu verwerten.
Der Wiederverwendung von Komponenten
131
kommt in Zeiten von steigendem
Kostendruck und sich weiter verkürzenden Entwicklungszyklen eine immer grö-
ßere Bedeutung zu. Dabei bestehen hohe Erwartungen an den zu erzielenden
Nutzen: Verbesserungen bei Zuverlässigkeit, Performance, Kosten und Qualität.
Dem stehen Mehraufwände (Managementaufwand, höherer Entwicklungs- und
Dokumentationsaufwand etc.) und Risiken (z.B. die weite Verbreitung von Feh-
lern) gegenüber, die es zu kompensieren gilt. Die Investition in ein regelrechtes
Wiederverwendungsprogramm ist nur dann lohnend, wenn der Nutzen die Nach-
teile signifikant übersteigt. Dies ist in der Regel dann der Fall, wenn über einen
längeren Zeitraum mit genügend vielen Entwicklern an gleichen oder zumindest
ähnlichen Produkten gearbeitet wird, sodass genügend Wiederverwendungspo-
tenzial besteht. Liegen diese Voraussetzungen vor, können diese Unternehmen mit
großen wirtschaftlichen Vorteilen rechnen.
2.23.2 Besonderheiten in der Automobilindustrie
Die Wiederverwendung von Komponenten in der Automobilindustrie hat eine
lange Tradition und wird von vielen Unternehmen schon seit Jahren prakti-
ziert
132
. Aktuelle Entwicklungsumgebungen sowie diverse Referenzarchitekturen
unterstützen es beispielsweise im Softwarebereich, Softwareplattformen zu ent-
wickeln, Derivate daraus abzuleiten und die enthaltene Software wieder zu ver-
wenden.
131. REU.2 ist sehr generisch formuliert. Der Begriff »Komponente« ist also z.B. auf Hardware,
Meachnik, Software und Systeme anwendbar.
132. Hinlänglich bekannt in der Branche ist aber auch, dass dies nicht automatisch zu einer guten
Qualität führt, wenn z. B. ältere Systeme sukzessive mit immer neuen »Balkonen« ausgestat-
tet werden.
217
2.23 REU.2 Wiederverwendungsmanagement
Die häufigsten Schwierigkeiten für die Wiederverwendung von Software in
der Automobilindustrie sind Probleme in der Portierbarkeit bei sehr hardwarena-
her Software. So müssen bei der Programmierung für einen bestimmten Micro-
controllertyp bestimmte Besonderheiten des Controllers, wie z.B. Befehlssatz,
Speicherbelegung oder Timingverhalten, beachtet werden, was oft nur die zum
Controller gehörige Toolsuite in vollem Umfang abdeckt. Diese meist umfangrei-
chen und teuren Toolsuiten enthalten z.B. einen speziellen Compiler, Linker,
Debugger, Emulator und Testfunktionen. Die Portierung der Software zur nächs-
ten Controllerversion ist selbst innerhalb einer Familie mit einem gewissen Auf-
wand verbunden, zwischen verschiedenen Herstellern ist sie nahezu unmöglich.
Um dieses Problem zu minimieren, haben viele Entwicklungsorganisationen stra-
tegische Partnerschaften mit meist einem Controllerhersteller geschlossen, der im
Gegenzug einen verbesserten Support zur Verfügung stellt.
Um diese Nachteile zu minimieren, wurden mehrere Initiativen gegründet,
die eine Wiederverwendung des Codes unterstützen sollen. Die wichtigste davon
im Automobilbereich ist AUTOSAR (siehe [AUTOSAR] und im Glossar). Haupt-
ziel des AUTOSAR-Projekts ist die Definition modularer Softwarearchitekturen
für Steuergeräte im Automobil mit standardisierten Schnittstellen und einer stan-
dardisierten Laufzeitumgebung. Dadurch sollen Softwaremodule verschiedener
Herkunft (d.h. OEMs, Lieferanten) austauschbar werden.
Ein anderer Ansatz ist die modellbasierte Entwicklung inklusive automati-
scher Codegenerierung, hier werden Funktionen auf einer höheren Abstraktions-
ebene beschrieben. Nach Fertigstellung der Modelle kann die Anpassung an das
Target (zumindest theoretisch) per Kopfdruck durchgeführt werden.
2.23.3 Basispraktiken
BP1: Definiere die Wiederverwendungsstrategie der Organisation. Definiere
das Wiederverwendungsprogramm und die erforderliche, unterstützende Infra-
struktur der Organisation.
Von einem Wiederverwendungsprogramm spricht man, wenn die Organisation
systematisch und strukturiert Arbeitsprodukte wiederverwendet. Dazu gehören
erhöhte Anforderungen an Qualität und Dokumentation der Arbeitsprodukte
sowie eine strukturierte und benutzerfreundliche Bereitstellung der wiederver-
wendbaren Arbeitsprodukte.
133
Für das Wiederverwendungsprogramm müssen zunächst Zweck, Umfang
(bzw. Geltungsbereich) und Ziele definiert werden. Der Zweck beschreibt die
wirtschaftliche Motivation des Unterfangens. Es ist in Anbetracht nicht unerheb-
133. Die improvisierte Wiederverwendung von früheren Projektergebnissen im Ad-hoc-Stil ist
kein Wiederverwendungsprogramm!

With Safari, you learn the way you learn best. Get unlimited access to videos, live online training, learning paths, books, interactive tutorials, and more.

Start Free Trial

No credit card required