6 Der moderne Staat
bedroht. Manche sprechen sogar von einem „Niedergang des Staates" (vgl. etwa Creveld
1999), verkünden dessen „Entzauberung" (Willke 1983) oder diskutieren den „Abschied
vom Staat" (Altmann 1998: 71-77; Voigt 1993). Wie dem auch sei, Tatsache ist, dass der
Staat von wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen im nationalen und internationalen
Kontext betroffen ist und deshalb einem sichtbaren Wandel unterliegt (vgl. Kapitel 5). Es
liegt also nahe zu vermuten, dass der Begriff Staat Konjunktur hat, weil man ihnr ge-
eignet hält, Veränderungen oder die Auflösung des mit ihm bezeichneten Gegenstandes zu
beschreiben. Wenn wir vom „Wandel der Staatlichkeit" sprechen, verwenden wir explizit
oder implizit einen Begriff des Staates. Insofern istr das Verständnis der zeitge-
schichtlichen Vorgänge unabdingbar, sich darüber Klarheit zu verschaffen, was der Staat ist
oder von welchem Staat die Rede ist. Auch „die ,Ent-Staatlichung' ist eben nur mit der
Kategorie des Staats zu beschreiben" (Möllers 2006: 40).
Aber ist gerade der Begriff des Staates sinnvoll, um diese Veränderungen zu ana-
lysieren, um die Realität des Politischen zu begreifen? Welche Vorteile bringt es, wenn wir
in der Politikforschung den Begriff Staat verwenden statt Begriffe wie politisches System,
öffentlicher Sektor, Regierungssystem oder neuerdings Governance? Geraten wir nicht
unnötigerweise in einen „conceptual morass" (Easton 1981: 322), der eine klare Analyse
verhindert, die wir mit anderen Begriffen erreichen können? Meine Antwort auf diese Fra-
gen ist negativ. Wir brauchen den Staatsbegriff, um eine Institution der modernen Gesell-
schaften zu beschreiben, in der nach wie vor wichtige Leistungen erbracht werden, dier
den Bestand und die Qualität der Gesellschaft unabdingbar sind. Es handelt sich dabei um
den Bereich, in dem heute und in absehbarer Zukunft ein wesentlicher Teil von Politik statt-
findet. Die Strukturen des Staates beeinflussen Politik in einer spezifischen Weise; deshalb
ist es zum Verständnis von Politik erforderlich zu wissen, welches die Merkmale dieser
Strukturen sind. Im Unterschied zu Begriffen wie Regierung, Verwaltung, Governance etc.
erfasst der Staatsbegriff die spezifische Form der Herrschaft, die in der modernen Gesell-
schaft entstanden ist. Ferner dient der Begriff des Staates dazu, Veränderungen in Politik
und Gesellschaft zu verstehen. Es könnte sein, dass wir gegenwärtig einen grundlegenden
Wandel hin zu einer Herrschaftsordnung erleben, die sich eindeutig unterscheiden lässt von
der Form, die wir als Staat bezeichnen. Es könnte aber auch sein, dass sich nicht die Form,
sondern nur die Inhalte und die Verfahren staatlicher Herrschaftsausübung verändern, was
keineswegs bedeutet, dass die Herausforderungen an die Praxis von Regierung und Verwal-
tung geringer wären.
Der Sinn und Zweck einer Beschäftigung mit dem Staat ist damit offensichtlich. Dies
erklärt die Fülle an Literatur zum Thema. Die Staatsrechtslehre untersucht die Veränderun-
gen der Formen staatlichen Handelns und die Konsequenzenr das Staats- und Verwal-
tungsrecht. In der Finanzwissenschaft und in der Verwaltungswissenschaft werden neue
Strukturen und Verfahren des Managements öffentlicher Aufgaben, der Haushaltsplanung
und des Rechnungswesens diskutiert sowie Vor- und Nachteile von Privatisierungen staatli-
cher Leistungen erforscht. In der Geschichtswissenschaft nahm in den letzten Jahrzehnten
das Interesse an der Entstehung und Entwicklung des modernen Staates deutlich zu. Sozio-
logen entwarfen neue Theorien des Staates oder der staatlichen Steuerung. Und in der Poli-
tikwissenschaft ist die „Veränderung der Staatlichkeit" ebenfalls ein wichtiges Thema ge-
worden.
Worin aber liegt der spezifische Beitrag der Politikwissenschaft zur Analyse des Staa-
tes? Eine Antwort auf diese Frage ist schwierig, weil die Grenzen zwischen den staats-
wissenschaftlichen Disziplinen fließend sind. Hermann Heller, der die Staatslehre als Teil
der Politikwissenschaft bestimmte, fasste ihre Aufgabe so zusammen: „Die Staatslehre ...
will den Staat begreifen in seiner gegenwärtigen Struktur und Funktion, sein geschichtli-

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