76
Der moderne Staat
Separierung; vielmehr sind Staat und Gesellschaft interdependent, und das Verständnis
dieser Beziehungen trägt zum Verständnis der Form, Funktionsweise und Entwicklung des
Staates bei.
Die Auffassungen zum Verhältnis von Staat und Gesellschaft, die man in der Ge-
schichte der Staatswissenschaften finden kann, divergieren hinsichtlich des Gesell-
schaftsbegriffes (vgl. Böckenförde 1976; Pierson 1996: 64-93; Rupp 1987; Suhr 1978), vor
allem aber hinsichtlich der Interdependenzbestimmung und der Richtung des Einflusses
zwischen Staat und Gesellschaft. Die Gesellschaft kann wie in liberalistischen Theorien,
der Vertragstheorie oder ökonomischen Theorien als eine Ansammlung von Individuen
verstanden werden, die, wenn sie ihre gemeinsamen Angelegenheiten nicht durch den
Markt, Verhandlungen oder soziale Gemeinschaften regeln können, den Staat als unabhän-
gige Entscheidungs- und Durchsetzungsinstanz benötigen. Sie kann aber auch als Kollektiv
aufgefasst werden, wie dies etwa in organologischen Theorien oder in der Systemtheorie
geschieht, wobei Erstere nicht zwischen Staat und Gesellschaft unterscheiden, Letztere
hingegen diese Differenzierung zum zentralen Thema macht. Auch Marxisten vertreten
einen kollektivistischen Begriff von Gesellschaft, indem sie diese als Zusammenfassung
von Individuen zu Klassen beschreiben. Der Staat wird als Herrschaftsapparat von der Ge-
sellschaft unterschieden, anders als in der Systemtheorie gilt er aber als abhängig von Klas-
senverhältnissen oder ökonomischen Verhältnissen und somit als gesellschaftlich determi-
niert. Der Staat kann aber auch wie in der Soziologie Max Webers als autonome Herr-
schaftsorganisation verstanden werden, deren Form sich im Prozess der gesellschaftlichen
Entwicklung wandelt, ohne dadurch direkt determiniert zu werden.
Im Folgenden werde ich die drei wichtigsten gesellschaftstheoretischen Erklärungen
des Staates, den Marxismus, Webers Staatssoziologie und die Systemtheorie, darstellen.
Alle drei Theorien bilden keine geschlossenen Gedankengebäude, sondern liefern jeweils
besondere Perspektiven auf das Verhältnis von Gesellschaft und Staat, wobei sich die je-
weiligen Prämissen und Aussagen im Lauf der Theorieentwicklung erheblich verändert
haben. Neue Theoriebeiträge, in denen der Staat aus einer Gesellschaftstheorie erklärt wird,
lassen sich nicht mehr eindeutig den genannten Richtungen zurechnen. Gesellschaftstheore-
tiker müssen sowohl die Auflösung von Klassen- und den Wandel von Funktionsdifferen-
zierungen berücksichtigen als auch der Eigenständigkeit und institutionellen Differenzie-
rung des Staates Rechnung tragen. Im Ergebnis ist daher festzustellen, dass wir über keine
Gesellschaftstheorie verfügen, die den Staat erklären kann, nicht zuletzt weil die Gesell-
schaft sich in einem ständigen Wandel befindet. Die daraus resultierenden Konsequenzen
werde ich im letzten Abschnitt dieses Kapitels skizzieren.
Marx und neomarxistische Staatstheorien
Die marxistische Staatstheorie lässt sich durch drei zentrale Thesen charakterisieren.
Zum Ersten geht sie davon aus, dass Gesellschaften durch Klassenkämpfe geprägt sind.
Klassen werden unterschieden durch die Stellung der Menschen in den Produktionsverhält-
nissen, also mit Bezug auf ökonomische Strukturen und Prozesse. Zum Zweiten sei die in
der Neuzeit entstandene kapitalistische Gesellschaftsordnung durch Widersprüche geprägt,
weil die Gewinne der Unternehmer nur durch Ausbeutung der Arbeiter gesteigert werden
(d.h. dadurch, dass sie nur mit dem „Tauschwert" und nicht mit dem „Gebrauchswert" ihrer
Arbeitskraft entlohnt werden) und Gewinninteressen einzelner Kapitalisten den gesamtwirt-
schaftlichen Zielen entgegenstünden. Zum Dritten gilt der Staat als Herrschaftsapparat, der
die Interessen der Klasse der Eigentümer von Produktionsmitteln (Kapitalisten) durchsetzt.
Dabei muss er die durch die Widersprüche der kapitalistischen Produktion erzeugten Prob-
leme lösen, indem er das gemeinsame Interesse an der Aufrechterhaltung der kapitalisti-

Get Der moderne Staat, 2nd Edition now with O’Reilly online learning.

O’Reilly members experience live online training, plus books, videos, and digital content from 200+ publishers.