Zum Begriff des Staates
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organisation, die in ihren internen Strukturen die Widersprüche der Gesellschaft abbildet, in
ihrer Handlungsfähigkeit durch diese Widersprüche begrenzt wird und hinsichtlich ihrer
Ressourcen von der kapitalistischen Wirtschaft abhängt.
Über die Art und Weise, wie der Staat die gesellschaftlichen Machtstrukturen stabili-
siert, gibt es divergierende Auffassungen. Elitentheoretiker gehen von der Dominanz von
Gruppen aus, die politische Prozesse der Gesetzgebung und Regierung dominieren (Mili-
band 1969; Mills 1956). Sie erklären den Staat als eine Organisation zur Machtausübung,
die sich in den Händen einer Machtelite befinde. Vertreter einer strukturalistischen Variante
des Neomarxismus beschreiben den Staat als eine Verbindung unterschiedlicher Machthie-
rarchien, die von konkurrierenden Eliten besetzt seien, insgesamt aber in einer jeweils spe-
zifischen Weise die Kräfteverhältnisse zwischen Klassen und Klassenfraktionen ausdrück-
ten (Poulantzas 1978: 119; ferner Jessop 1990).
Aus der neomarxistischen Staats- und Gesellschaftstheorie hat sich in den 80er und
90er Jahren des letzten Jahrhunderts die Regulationstheorie entwickelt (zusammenfassend
Simonis 2007). Dabei handelte es sich zunächst um eine neue Variante einer politökonomi-
schen Analyse kapitalistischer Gesellschaften (Boyer 1990; Hirsch/Roth 1986). Die zentra-
le Annahme lautet, dass sich die Strukturen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung („Ak-
kumulationsregime") und die Organisation der Produktionsweisen verändern, wobei sich
spezifische „Regulationsregime" bilden. Dieser Begriff bezeichnet die emergenten, aus
sozialen Interaktionen entstandenen und die politisch gesetzten Regeln und Koordinations-
modi der politischen Ökonomie, also der Beziehungen zwischen Staat, Wirtschaft und Ge-
sellschaft. Regulation erfolge demnach durch Märkte und ihre institutionelle Einbettung in
staatliche und gesellschaftliche Regeln, durch Unternehmen (insbesondere Großbetriebe)
und ihre mit dem Staat ausgehandelten Arrangements, durch die staatliche Wirtschaftspoli-
tik und durch tripartistische Verhandlungen zwischen Regierungen und Sozialpartnern (Si-
monis 2007: 213). Empirischen Beobachtungen zufolge soll die industrielle Massenproduk-
tion mit stark ausgeprägter Arbeitsteilung („Fordismus") inzwischen abgelöst worden sein
durch flexiblere Produktionsformen und eine funktional wie regional stark differenzierte
Wirtschaftsstruktur. Geändert habe sich dabei auch die Art der Regulierungsweisen, jedoch
seien diese Veränderungen nicht durch ökonomische Prozesse determiniert (Lipietz 1998).
Die politische Regulierung der Wirtschaft sei stärker dezentralisiert, werde in kooperativen
Formen zwischen öffentlichen und privaten Organisationen praktiziert, gleichzeitig treibe
der Staat die Globalisierung der Wirtschaft voran (Hirsch 1995; Jessop 1990). Dieser
„postmarxistische" Ansatz (Beyme 2006: 126) trägt wenig zur Theorie des Staates bei und
enthält auch keinen eigenständigen Staatsbegriff. Interessant sind die in diesem Kontext
entstandenen empirischen Forschungenr die Beschreibung und Analysen veränderter
Interaktionen zwischen Staat, Verbänden und privaten Unternehmen, die mit dem Begriff
Governance bezeichnet werden und durchausr das Verständnis der Dynamik von Staat-
lichkeit und der Wirkungen von Staatstätigkeit von Interesse sind (Jessop 2002: 216-246;
Simonis 2007). Darauf werde ich in späteren Kapiteln zurückkommen (vgl. 3.3 und 5.3).
Die Staatstheorie Max Webers
Genauso wie Karl Marx hat sich Max Weberr die historische Entwicklung der mo-
dernen Gesellschaft interessiert und dabei eine Herrschaftstheorie entwickelt, aber keine
eigentliche Staatstheorie. Diese muss aus seiner Gesellschaftstheorie rekonstruiert werden.
Anders als Marx hat Weber aber eine präzise Definition des modernen Staates vorgeschla-
gen, weil er diesen als einen eigenständigen Typus von Herrschaft identifizierte. In diesem
Begriff enthalten ist eine der einflussreichsten theoretischen Konzeptionen des modernen
Staates.

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