94 3 Paradigmenwechsel
gewiesen. Zudem wird den Institutionen einer Volkswirtschaft eine prägende Rolle beige-
messen. Von daher berufen sich einige Vertreter der Neuen Institutionenökonomik auf die
Historische Schule als eine ihrer Wurzeln (S
CHENK 1992, S. 340).
3.4.3 Die Grenznutzenlehre (Marginalrevolution): Jevons –
Menger – Walras
Die als Marginalrevolution bezeichnete Umwälzung in der Geschichte des ökonomischen
Denkens, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert zu beobachten ist, liefert ein beson-
ders anschauliches Beispiel dafür, dass ein neues Paradigma in der Ökonomie nicht quasi
über Nacht entsteht, sondern in einem längerwierigen Prozess. Alte Theorien werden brü-
chig, die Gestalt der neuen Theorie ist jedoch noch nicht klar erkennbar. Was die Marginal-
analyse betrifft, so finden sich in bereits früher erschienenen Veröffentlichungen Hinweise
auf Veränderungen im ökonomischen Denkstil, ohne dass diese zur damaligen Zeit bemerkt
oder gebührend gewürdigt wurden. Zu nennen sind hier die Arbeiten von T
HÜNEN, GOSSEN
und C
OURNOT, die wesentliche Gedanken der Marginalanalyse vorweggenommen haben. Als
eigentliche Begründer der Grenznutzenlehre werden dagegen W
ILLIAM STANLEY JEVONS,
C
ARL MENGER und LÉON WALRAS angesehen. Sie stehen im Rampenlicht der ökonomischen
Theoriegeschichte.
Als einer der Geburtshelfer der Marginalanalyse gilt J
OHANN HEINRICH VON THÜNEN (1783-
1850). T
HÜNEN erlernte und studierte zunächst Landwirtschaft. Im Jahre 1810 erwarb er Gut
Tellow in Mecklenburg. Seine empirisch-statistischen Studien über die Agrarwirtschaft ver-
band er mit theoretischen Überlegungen. In der dogmengeschichtlichen Literatur wird er als
Beispiel dafür angeführt, dass es auch in Deutschland Ansätze gab, vom Kameralismus als
deutsch-österreichischer Spielart des Merkantilismus wegzukommen, die analytischen Me-
thoden der englischen klassischen Nationalökonomen anzuwenden und weiterzuentwickeln.
T
HÜNEN nennt ausdrücklich SMITH, dessen Werke die Grundlagen seiner Untersuchungen
bilden. Seine Absicht ist jedoch, durch eine Korrektur und Erweiterung der Smithschen Leh-
ren die Ökonomie als Wissenschaft voranzutreiben. T
HÜNENS Hauptwerk „Der isolierte Staat
in Beziehung auf Landwirtschaft und Nationalökonomie“ (1. Teil 1842) führt ihn zu Er-
kenntnissen, die bereits denen der Marginalrevolution entsprechen. Er geht davon aus, dass
die Landwirtschaft mit dem Ziel betrieben wird, den Reinertrag zu maximieren. Dieser Rein-
ertrag wird als mathematische Funktion der relevanten Einflussfaktoren dargestellt. Die Fra-
ge lautet dann, welche Höhe diese Faktoren haben müssen, damit das Maximum des Reiner-
trags erzielt wird. Seiner Ansicht ist der Punkt dann erreicht, wenn der Wert des Mehrertra-
ges durch die Kosten der darauf verwandten Arbeit kompensiert wird.
Eine frühe Version der Standorttheorie sind die Thünenschen Ringe. Sie beschreiben die
landwirtschaftliche Bodennutzung einer isolierten Region. T
HÜNEN geht davon aus, dass die
landwirtschaftlichen Produkte nicht am Produktionsstandort konsumiert werden, sondern
dass ein Transport zu den Verbrauchern stattfindet. Daher fallen Transportkosten an, die mit
wachsender Entfernung steigen und zudem von Volumen und Gewicht der Produkte abhän-
gen. Im Modell von T
HÜNEN maximieren die Landwirte ihren Gewinn, wenn sie die Güter
produzieren, bei denen die Differenz zwischen Marktpreis und Kosten (Arbeits- und Trans-

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