112 3 Paradigmenwechsel
Auch I. FISHER wurde in seiner Kapital- und Zinstheorie („The Rate of Interest“, 1907)
von BÖHM-BAWERK beeinflusst. Er ging ebenfalls von der Überlegung aus, dass der Zins
das Austauschverhältnis zwischen gegenwärtig und zukünftig verfügbarem Konsum wi-
derspiegelt. Zur Erklärung des Zinses analysierte er deshalb einerseits die Präferenzen der
nutzenmaximierenden Individuen, andererseits die Produktionsmöglichkeiten einer
Volkswirtschaft.
Für jedes Individuum wird unterstellt, dass es Kombinationen von gegenwärtigem und zu-
künftigem Konsum in eine Präferenzordnung bringen kann, also zwischen besser oder
schlechter oder gleich gut unterscheiden kann. Diese Präferenzordnung lässt sich durch eine
Schar von individuellen und gesellschaftlichen Indifferenzkurven abbilden. Berücksichtigt
man noch die Transformationsmöglichkeiten von gegenwärtigem und zukünftigem Konsum
– graphisch dargestellt in Form von Transformationskurven –, dann bestimmt der Gleichge-
wichtszins, wie viele zukünftige Konsumgüter wie vielen Gegenwartsgütern gleich sind
(Fishershes Zinsdiagramm).
In einer Würdigung bezeichnet R.
DORFMAN (1994, S. 27) die beiden Werke von BÖHM-
B
AWERK (Positive Theorie des Kapitalzinses) und FISHER (The Rate of Interest) als „Zwil-
lingsursprünge“ der heutigen Kapitaltheorie. Trotz der zweifellos vorhandenen Unterschiede
seien sie eher komplementär als widersprüchlich zueinander.
3.5.5 Grenzproduktivitätstheorie der Verteilung
Ein weiterer Baustein des neoklassischen Paradigmas ist die Grenzproduktivitätstheorie der
Verteilung, die von dem britischen Ökonomen P
HILIP H. WICKSTEED („An Essay on the Co-
ordination of the Laws of Distribution“, 1894) und dem amerikanischen Ökonomen J
OHN
BATES CLARK („The Distribution of Wealth“, 1899) entwickelt wurde. Während im klassi-
schen Paradigma die Verteilung des Volkseinkommens auf die verschiedenen Einkommens-
arten (Grundrente, Profit, Lohn) und damit auch auf die gesellschaftlichen Klassen der
Grundbesitzer, Kapitaleigentümer und Arbeiter mit gesonderten Theorien erklärt wurde,
ergibt sich in der Neoklassik die Verteilung aus den Gesetzen der Produktion. Die Grenzpro-
duktivitätstheorie behauptet, dass bei Annahme vollständiger Konkurrenz im Gleichgewicht
jeder Produktionsfaktor nach seinem Grenzprodukt bezahlt wird. Das Grenzprodukt eines
Produktionsfaktors bemisst sich danach, um wieviel sich das Gesamtprodukt ändert, wenn
die eingesetzte Menge dieses Faktors um eine Einheit erhöht oder verringert wird (die Menge
aller anderen Faktoren bleibt konstant). Wählt man als Beispiel den Produktionsfaktor Ar-
beit, so bedeutet das: Im Gleichgewicht kann der Lohnsatz nicht größer sein als das Wert-
grenzprodukt der Arbeit (Grenzprodukt · Preis). An diesem Beispiel wird bereits ersichtlich,
dass die Grenzproduktivitätstheorie weniger eine Verteilungstheorie als vielmehr eine Theo-
rie der Nachfrage nach Produktionsfaktoren ist und damit Bestandteil der Preistheorie.

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