2.5 Elektronische Informationssysteme
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2.5.4 Archivische Aufgaben im Zeitalter der Informationstechnologie
Die klassischen Aufgabenfelder der Archivare verändern sich angesichts
des raschen Wandels der Informationstechnologien. Auch hierfür können
nur einige markante Trends angegeben werden.
(1.) Die elektronischen Speichermedien veralten so rasch, daß die Be-
standserhaltung ein, wenn nicht das zentrale Thema archivischer Arbeit
werden wird. Von der Vorstellung, elektronisches Archivgut sei auf den
originalen Datenträgern zu übernehmen, wird man sich angesichts der zy-
klischen Innovationsschübe verabschieden müssen. Die Haltbarkeit der
Speichermedien entspricht nicht den Anforderungen dauerhafter Archi-
vierung. Vielmehr werden Archive offene Systeme, die eine Aufwärtskon-
vertierung in andere Systeme ermöglichen, favorisieren müssen. Als eine
mögliche Alternative zeichnet sich die hochauflösende Digitalisierung ab,
bei der das digitale Bild über eine COM-Anlage auf Mikrofilm oder -fiche
ausgegeben wird.
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(2.) Die Archivare müssen sich in die Entwicklung von Informationssy-
stemen in den Verwaltungen und Unternehmen, die sie betreuen, einschal-
ten. Nur bei einer frühzeitigen Einflußnahme auf die Wahl von Systemen
können archivische Interessen artikuliert werden.
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Denkbar ist die Ent-
wicklung immanenter Arbeitsinstrumente, die eine automatische Erfas-
sung elektronischer Akten ermöglicht. Kontextinformationen oder Meta-
daten vermitteln Informationen darüber, wie elektronische Systeme funk-
tionieren. Das life cycle-Konzept amerikanischer Archivare sieht die vor-
archivische Betreuung von Unterlagen von ihrer Entstehung an vor.
(3.) Die Bewertung und Verzeichnung elektronischen Archivguts ist in
Deutschland kaum über Anfänge hinaus gekommen.
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Die internationale
Diskussion kreist um die Frage, ob nach Funktion (der Informationen er-
zeugenden Stelle) oder nach dem Inhalt der Informationen selbst bewertet
werden soll. Zur Beschreibung wird verstärkt auf Metadaten zurückzugrei-
fen sein, die die elektronische Umgebung der aufzubewahrenden Daten
benennen.
(4.) Wie wird sich die archivische Öffentlichkeitsarbeit im Zeitalter
elektronischer Medien verändern? Es wird zunehmend Wissenschaftler
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Vgl. dazu den Beitrag von Weber, Hartmut: Bestandserhaltung in diesem Band.
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Vgl. Wettengel, Michael/Hofman, Hans: Zur Bewahrung maschinenlesbarer Da-
tenbestände in den Niederlanden. Das Projekt MLG des niederländischen Rijks-
archiefdienstes und der Kommunalarchive von Amsterdam, Rotterdam, Den
Haag und Utrecht, in: Der Archivar 48,1995, Sp. 269-280.
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Erlandsson (wie Anm. 49), S. 42-49; Nabrings, Arie: Bewertung und Archivierung
elektronischer Dateien, in: Der Archivar 46, 1993, Sp. 555-570; Wettengel, Mi-
chael: Technische Infrastrukturr die Archivierung von digitalen Datenbestän-
den, in: Mitteilungen aus dem Bundesarchiv 5,1997, H. 1, S. 8-15.
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2. Das Archivgut der Wirtschaft
geben, die an das weltweite Netz angeschlossen sind und direkt mit dem
Archiv kommunizieren möchten, dessen Bestände sie benutzen wollen. Sie
möchten diese Bestände mit ihren Methoden und technischen Hilfsmitteln
befragen. Wenn die Archive weiterhin hand- oder maschinengeschriebene
Findbücher anbieten, kommt die vom Benutzer gewünschte Kommunika-
tion nicht zustande. Sowohl die Übertragung der alten als auch die Schaf-
fung neuer Findmittel ist eine Aufgabe, die auf die Archivare zukommt.

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