Klassiker der politischen Ideengeschichte 5
führt und – durchaus produktiv – weiterdenkt. Aus diesem Grunde halte ich es für gerechtfer-
tigt, einen Band zur politischen Ideengeschichte mit Marx zu beenden.
Gelegentlich ist der Versuch unternommen worden, eine politische Ideengeschichte ohne die
Heraushebung von Klassikern, lediglich durch Rekurs auf eine Vielzahl von Autoren zu
schreiben, die oftmals nur dem Namen nach vorkommen.
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Aber ohne Hierarchisierung des
Quellenmaterials wird die Darstellung zum bloßen namedropping, zum bloßen Erwähnen
und Fallenlassen von Namen. Auch das andere Extrem, das bei Juristen besonders beliebt ist,
die Ideengeschichte ausschließlich als Abfolge von Klassikern zu betrachten, welche chrono-
logisch, Name für Name abgehandelt werden, erschien mir unattraktiv. Um jeden der in
diesem Band behandelten Autoren herum gibt es eine Vielfalt von anderen, die auch hätten
erwähnt werden können. Sogar von diesen Autoren gibt es eine Vielzahl von Texten, wäh-
rend ich mich bemüht habe, die Darstellung auf wenige zentrale und dicht geschriebene,
stringent argumentierende, eben „klassische“ Texte zu konzentrieren. Die Zitation dieser
Texte hat immer auch die Funktion einer Einladung zur direkten, eigenen Lektüre.
In der vielfältigen Wirklichkeit permanent veröffentlichter Texte bilden Klassiker, die dies
zu Recht für sich beanspruchen können, eine Art deutlich sichtbaren Höhenkamm. Gerade in
den Kanondiskussionen der verschiedenen Literaturwissenschaften ist die Höhenkammlitera-
tur immer wieder kritisch in Frage gestellt worden. Es hat sich aber gezeigt, dass solche
Diskussionen letztlich nicht zur Verwerfung kanonischer Ansprüche geführt haben, sondern
vielmehr dazu dienten, den Kanon lebendig zu erhalten, indem neue Autoren in ihn einge-
führt und andere entfernt wurden. Vor allem aber musste durch derartige Diskussionen im-
mer wieder der Rang derer, die weiterhin kanonisch bleiben sollten, verteidigt und begründet
werden. Autoren wie der Kirchenvater Augustinus, wie Thomas von Aquin oder William
von Ockham, wie Marsilius von Padua oder Dante Alighieri mit seiner Monarchia haben die
politische Ideenwelt des Mittelalters bestimmt.
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Dem hier gestellten Anspruch einer theoreti-
schen Innovation gegenüber der bisherigen Tradition allerdings haben sie nicht wirklich
entsprochen. Wenn ich überhaupt einen mittelalterlichen Autor hätte aufnehmen wollen,
dann hätte ich Ibn Khaldun, den arabischen politischen Soziologen und Verfasser der be-
rühmten Einleitung in die arabische Geschichte aus dem 14. Jahrhundert behandelt. Dies
allerdings wäre ohne Hinweise auf Averroës (Ibn Ruschd) und Avicenna (Ibn Sina) unvoll-
ständig gewesen, darüber hinaus wäre es mir unausgewogen erschienen, dann nicht doch die
westlichen Philosophen und Theologen des Mittelalters daneben zu stellen. Schon wäre auch
bei konzentriertester Darstellung ein Band von weit über 120 Seiten allein für die politische
Philosophie des Mittelalters erforderlich gewesen. Ich habe einiges davon allerdings nachge-
holt in meinen beiden kleinen Bänden: „Platon interkulturell gelesen“ und „Aristoteles inter-
kulturell gelesen“
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, denn alle diese Autoren gehören zur mittelalterlichen Antikerezeption.
Für den Zusammenhang der politischen Ideengeschichte jedoch kam es vor allem auf Origi-
nalität und Zuspitzung der Argumente an, nicht dagegen auf die möglichst gleichmäßige
Repräsentation westlicher und nichtwestlicher Traditionen.
4
Z.B. bei Fenske, Hans; Mertens, Dieter; Reinhard, Wolfgang; Rosen, Klaus: Geschichte der politischen Ideen
von Homer bis zur Gegenwart, Frankfurt am Main 1991.
5
Dante Alighieri: De Monarchia, lat.-dt., Hg., Einl. und Übers. Imbach, Ruedi, Stuttgart 1989.
6
Reese-Schäfer, Walter: Platon interkulturell gelesen, Nordhausen 2009; ders.: Aristoteles interkulturell gele-
sen, Nordhausen 2007.

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