6 Teil I: Theorien der Organisation
1.2 Organisieren als klassisches Phänomen
Seitdem Menschen schwierige Probleme zu bewältigen haben und sich dabei um die Koordi-
nation unterschiedlicher (Teil-)Aufgaben bemühen, organisieren sie ihre Vorhaben. Das
Organisieren von größeren Projekten stellt insoweit ein klassisches Phänomen dar, das be-
reits seit Jahrtausenden bekannt ist. Organisatorische Regelsammlungen bzw. Handreichun-
gen ergaben sich schon sehr früh aus Erfahrungen im Zusammenhang mit der Bewältigung
komplexer Aufgabenstellungen (vgl. Kieser 1999, S. 107). Bereits der Bau der Pyramiden,
der chinesischen Mauer oder die Errichtung antiker Militär- und Produktionsstätten erforder-
te sehr weit reichende organisatorische und logistische Problemlösungen, die bereits damals
zu umfangreichen Managementleitfäden führten. Perikles, Xenophon oder Aristoteles be-
schäftigten sich in der griechischen Antike bereits mit der „oikonomia“ als Bezeichnung für
das vernünftige Gestalten aller mit dem Haus („oikos“) eines freien Bürgers zusammenhän-
genden Angelegenheiten (vgl. Schneider 1999, S. 4). Dazu gehörten nicht zuletzt die organi-
satorischen Fragen bei der Bewältigung der häuslichen Leistungserstellung. Die Organisation
der Klöster und insbesondere der klösterlichen Produktion beschäftigte den Klerus im Mit-
telalter. Im Merkantilismus wurden zur Errichtung von Arbeitshäusern und Manufakturen
umfangreiche organisatorische Leitfäden verfasst (vgl. dazu Kieser 1999).
Die Tätigkeit des Organisierens größerer Vorhaben beschäftigt die Menschen also seit jeher.
(Formale) Organisationen im Sinne des institutionellen Verständnisses bilden sich aller-
dings erst spät heraus und etablieren sich vor allem im Zuge der industriellen Entwicklung.
So sind die Zünfte des Mittelalters keineswegs als Organisationen zu betrachten, weil sie ihre
Mitglieder noch als ganze Personen mit allen ihren Lebensbereichen (Totalinklusion) auf-
nahmen und ein flexibler Ein- bzw. Austritt nicht möglich war. Aus diesem Grunde über-
nahmen sie nicht nur ökonomische, sondern zugleich z. B. religiöse, politische, caritative
oder militärische Aufgaben. Nach Kieser/Walgenbach gehörten zu den ersten, nur vereinzelt
auftretenden Organisationen unterschiedliche Gesellschaften von Fernhandelskaufleuten, die
im 13. Jahrhundert auftauchten (z. B. die Große Ravensburger Gesellschaft) (vgl. 2003, S. 5;
auch Coleman 1979, S. 21-22). Die Kaufleute konnten freiwillig Mitglied werden und auch
wieder austreten. Sie wurden nur im Sinne der Partialinklusion und nicht als ganze Person
Teil dieser Organisationen und wickelten ihre Geschäfte nur zum Teil über die Fernhandels-
gesellschaften ab.
Vor allem die Industrialisierung und die sich entwickelnde Massenproduktion sowie ihre
Verknüpfung mit den (Geschäfts-)Interessen des aufstrebenden Bürgertums im 18. bzw. 19.
Jahrhundert hat die flächendeckende Verbreitung von Organisationen maßgeblich gefördert
(ähnlich Türk 1995, S. 50-51). Die Massenproduktion erforderte soziale Strukturlösungen,
die zugleich hohe Produktivität und weit reichende Flexibilität des Ressourceneinsatzes er-
möglichen. Formale Organisationen (z. B. als Fabriken, Großunternehmen oder staatliche
Bürokratien) leisten dafür sehr wichtige Beiträge, weil sie entpersonalisierte und primär von
Sachgesichtspunkten geprägte Strukturlösungen darstellen, die einen Mitgliederwechsel und
somit hohe Flexibilität der Humanressourcen ermöglichen. Da Organisationen ihre Mitglie-
der nicht als ganze Person, sondern nur in jeweils (aufgaben-)relevanten Rollen aufnehmen,
unterstützen sie zugleich unmittelbar die Arbeitsteilung und die Generierung von Produktivi-

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