Der organisationssoziologische Neoinstitutionalismus 67
logische Neoinstitutionalismus, dass soziale bzw. institutionelle Gegebenheiten nicht zwin-
gend aus individuellen Entscheidungen abzuleiten sind, sondern durchaus den Charakter
eines völlig eigenständigen kollektiven Phänomens und Erkenntnisgegenstands aufweisen.
Der Begriff der Institution kennzeichnet demnach einen originären „sozialen Sachverhalt der
Verfestigung regelmäßig wiederkehrenden Verhaltens und Handelns“ (Nedelmann 1995, S.
15; vgl. bereits Durkheim 1965 als einen der Begründer der modernen Soziologie). Aus der
soziologischen Perspektive und im Gegensatz zum methodologischen Individualismus erge-
ben sich Handlungen und Entscheidungen eines Akteurs als das Resultat der vorherrschen-
den kollektiven Strukturen des sozial-institutionellen Rahmens (methodologischer Kollekti-
vismus). Diese Beeinflussung des individuellen Verhaltens durch soziale Institutionen wird
mit der Vorstellung des Homo Sociologicus verknüpft (vgl. Dahrendorf 1959) und vollzieht
sich über zwei grundlegende Mechanismen: Einerseits erfolgt eine Internalisierung sozialer
Normen sowie eine soziale Sanktionierung abweichenden Verhaltens, andererseits beinhalten
soziale Institutionen ritualisierte Wahrnehmungs-, Interpretations- und Verhaltensmuster,
welche im Zuge der Sozialisation unreflektiert übernommen und als selbstverständlich aktua-
lisiert werden (vgl. Türk 2004, Sp. 923-925). In der soziologischen Argumentation durch-
dringen und konstruieren Institutionen mithin erst die subjektive Wirklichkeit der Individuen
(vgl. Berger/Luckmann 1993, S. 139) und stellen somit sozial-kulturelle Praktiken dar. Bei
Institutionen handelt es sich demnach nicht um rational gestaltete, instrumentalisierte und
intentional gewählte Regeln der Verhaltenssteuerung, sondern um soziale Erwartungen,
Normen oder Rituale als unabhängige Variable und eigenständige soziale Phänomene. Damit
wendet sich der soziologische Neoinstitutionalismus von dem Rational-Aktor-Modell der
neuen Institutionenökonomik und der ökonomischen Variante des Neoinstitutionalismus ab;
DiMaggio/Powell fassen das prägnant zusammen (1998b, S. 8): „The new institutionalism in
organization theory and sociology comprises a rejection of rational-actor-models, an interest
in institutions as independent variables, a turn toward cognitive and cultural explanations,
and an interest in properties of supraindividual unity of analysis that cannot be reduced to
aggregations or direct consequences of individuals’ attributes or motives.”
7.2 Institution und Institutionalisierung
In Anlehnung an Berger/Luckmann (vgl. 1966) geht der soziologische Neoinstitutionalismus
davon aus, dass die Wahrnehmung sowie
Deutung der Wirklichkeit und schließlich das
darauf ausgerichtete menschliche Handeln durch die Gesellschaft sozial konstruiert sind.
Das, was als Alltagserfahrung der Realität in einer Gesellschaft als absolut gewiss und objek-
tiv gegeben gilt, hat demnach im Grunde nur eine sozial-kulturell relative Bedeutung, kann
in anderen Gesellschaften völlig anderen Interpretationen unterliegen und dennoch gleicher-
maßen als selbstverständlich gelten (vgl. Berger/Luckmann 1966, S. 15). Obwohl damit die
Wirklichkeit von den Menschen selbst erzeugt wurde, erscheint sie Ihnen aufgrund der kol-
lektiv sozialen Konstruktionsprozesse als etwas Äußeres und quasi objektiv Gegebenes.
Berger/Luckmann führen diese soziale Konstruktion der Wirklichkeit auf gesellschaftliche
Institutionalisierung und die Bildung generalisierter Erwartungsstrukturen zurück, die ange-
messenes Verhalten in sozialen Kontexten regeln (vgl. 1993, S. 64; Hasse/Krücken 2005, S.

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