46 B. Der Entstehungsprozess einer wissenschaftlichen Arbeit
Stellt sich das Problem akut, ohne dass man auf Themenvorräte zurückgreifen kann,
so ist die interessengerichtete Durchsicht der jüngsten Literatur der Ansatz mit
der größten Erfolgswahrscheinlichkeit. Dabei sind vor allem die jeweiligen Spezial-
zeitschriften eine wertvolle Hilfe, da sich in ihnen am schnellsten und deutlichsten
spiegelt, welche Fragenkomplexe in einer Wissenschaftsdisziplin derzeit aktuell
sind. Die meisten Zeitschriftenpublikationen enthalten Abschnitte zur Diskussion
der eigenen Ergebnisse und zu zukünftigem Forschungsbedarf, aus denen vielfältige
Anregungen für eigene Themen und Fragestellungen entnommen werden können.
Stehen die zuständige Prüferin oder der zuständige Prüfer bereits fest, so ist es keine
schlechte Idee, bei der Literaturdurchsicht deren oder dessen jüngere und jüngste
Publikationen besonders zu beachten. Schließlich muss der jeweilige Themenvor-
schlag auch von Seiten der Prüfenden akzeptiert werden. Die Wahrscheinlichkeit
hierfür dürfte steigen, wenn Studierende mit Themenvorschlägen an aktuellen For-
schungsinteressen anknüpfen.
Zudem ist auf das Internet zu verweisen, welches einerseits Hinweise auf derzeit
aktuelle Themenstellungen, aber auch auf sonst (noch) nicht publizierte Materialien
bietet. So findet man z. B. Listen von Diplomarbeitsthemen auf den Internetseiten
von Lehrstühlen und Fragenkomplexe großer Forschungsprojekte auf den Seiten von
Forschungseinrichtungen generell. Viele Wissenschaftseinrichtungen bieten interes-
sante Link-Sammlungen zu bestimmten Themenbereichen oder stellen aktuelle For-
schungsberichte mit abschließenden Bemerkungen zu weiterem Forschungsbedarf
zum Download bereit.
b. Auswahl aus eigenen Themenvorschlägen
Die Frage, ob und in welchem Grade man sich für eine Thematik interessiert, ist ein
wichtiges Selektionskriterium, aber keineswegs das einzig relevante. Zudem ist das
eigene Interesse vom jeweiligen Wissensstand abhängig, der sich im Laufe der
Themensuche verändern kann.
Unterbreitet man selbst einen Themenvorschlag, so sollte man davon ausgehen, dass
man zumindest einen Teil der Verantwortung für die Eignung des Themas nicht
vom Prüfenden abgenommen bekommt, sondern selbst trägt.
Das heißt, man sollte sich in jedem Fall die folgenden Fragen stellen und für das
vorgeschlagene Thema positiv beantworten können:
1. Zielt das Thema überhaupt in das Gebiet, auf dem wissenschaftliche Leistungs-
fähigkeit nachgewiesen werden soll?
II. Themensuche und Themenauswahl 47
Als betriebswirtschaftliches Thema ungeeignet ist z. B. eine rein juristische
Problematik, der die betriebswirtschaftliche Relevanz völlig oder weitgehend
fehlt und zu deren Bearbeitung man eher juristisches Know-How und Hand-
werkszeug benötigt als betriebswirtschaftliche Qualifikationen.
2. Bietet das Thema überhaupt Möglichkeiten zu Eigenleistungen, und gegebenen-
falls in welchem Maße?
Ungeeignet ist jede Thematik, die durch die Literatur bereits völlig oder wei-
testgehend ‚aufgearbeitet‘ erscheint, und bei der keine Fragen mehr offen
sind.
3. Ist das Thema in der vorgesehenen Zeit angesichts des vorhandenen Forschungs-
standes zu bewältigen?
Bei allem positiven Reiz, den ein Thema ausstrahlen mag, muss selbstkritisch
gefragt werden, ob man sich mit dem Thema nicht übernimmt.
Für Studienabschlussarbeiten in Zusammenarbeit mit Unternehmen ist zusätzlich zu
fragen, ob die benötigten/vereinbarten/versprochenen Informationen, Gesprächster-
mine, Daten und Materialien auch tatsächlich bereit gestellt werden bzw. ob man
diese Bereitstellung hinreichend gut abgesichert hat. So muss etwa in Betrieben mit
Betriebsrat vor einer Befragung häufig die Zustimmung des Betriebsrates eingeholt
werden. Manch ein potentieller Befragter hat schon bei der Vereinbarung eines In-
terviewtermins die politische Brisanz eines Themas entdeckt und urplötzlich seine
Zusage zu einem Gespräch zurückgezogen. Solche und ähnliche Aspekte sollten vor
der endgültigen Anmeldung des Themas verbindlich geklärt und bestmöglich abge-
sichert werden.
Die Beantwortung der Prüffragen bedingt zumindest eine ‚diagonale‘ Sichtung der
Literatur und der sonstigen Materialien.
Für Themen, die diesen Sichtungsvorgang überstehen, empfiehlt es sich, die Gliede-
rungspunkte ‚Problemstellung‘ und ‚Gang der Untersuchung‘ probeweise aus-
zuformulieren, eventuell auch eine Probegliederung zu erstellen.
Zu dem dann tatsächlich vorzuschlagenden Thema ist damit auch eine fundierte
Argumentationshilfe gegenüber der Prüferin oder dem Prüfer geschaffen. Je deutli-
cher und überzeugender man mitzuteilen vermag, weshalb man ein Thema für bear-
beitungswürdig und in der vorgegebenen Zeit für bearbeitungsfähig hält, desto eher
kann man damit rechnen, dass das Thema angenommen wird: Genau diese Aspekte
werden verantwortlich handelnde Prüfende nämlich vor der Themenstellung auch
abzusichern bemüht sein.

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