2.Vernünftiger Optimismus und empirisch fundierter Pessimismus

Kants Diskussion von Affekten und Leidenschaften lässt sich situieren in einem Spannungsverhältnis, das ich in der Einleitung als Grundhaltung der moralischen Anthropologie bezeichnet habe: Seine Analyse ist getragen von einer bemerkenswerten Gleichzeitigkeit von vernunftbegründetem Optimismus und empirisch fundiertem Pessimismus. Sie zeugt einerseits von einem ausgeprägten Misstrauen, das nicht der menschlichen Natur als solcher gilt, wie Kant sie in natürlichen Bedürfnissen und Veranlagungen sieht, sondern dem, was Menschen unter den Bedingungen gesellschaftlichen Zusammenlebens selbst daraus machen. Dieses Misstrauen beruht auf einer empirisch gestützten Diagnose, die deutlich ...

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