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einer Regierung bewirken. In der empirischen Anwendung ist als grober Richtwert erst dann
ein signifikanter Effekt der öffentlichen Meinung auf die außenpolitische Entscheidungsfin-
dung anzunehmen, wenn der Grad des Konsenses zu dieser Entscheidung in der Öffentlich-
keit ca. 60 Prozent erreicht oder übersteigt (Graham 1994: 195–197).
Schließlich ist die Relevanz der öffentlichen Meinung für die Erklärung von Außenpolitik
davon abhängig, inwieweit der Bevölkerung institutionalisierte Möglichkeiten der wir-
kungsmächtigen Einflussnahme auf den außenpolitischen Entscheidungsprozess offen ste-
hen. Derartige Möglichkeiten können sich in Demokratien prinzipiell in zwei Formen erge-
ben. Den unmittelbarsten Einfluss auf Außenpolitik besitzt die Bevölkerung dann, wenn ein
Thema zum Gegenstand eines Referendums wird. In einem Referendum bietet sich der Öf-
fentlichkeit die Chance, über eine außenpolitische Maßnahme ungeachtet ihrer allgemeinen
parteipolitischen Präferenzen und losgelöst von den übrigen Themen der politischen Agenda
zu entscheiden (Milner 1997: 108–109).
Eine zweite, mittelbare Einflussmöglichkeit der Bevölkerung auf Außenpolitik bieten die
allgemeinen Regierungs- und Parlamentswahlen. Die Bedeutung von Wahlen als Instrument
der außenpolitischen Einflussnahme der Öffentlichkeit hängt jedoch davon ab, inwieweit
amtierende Regierungen davon ausgehen müssen, dass ihr außenpolitisches Handeln für
Teile der Bevölkerung wahlentscheidende Bedeutung erlangt. Nur wenn die öffentliche Mei-
nung zu einem außenpolitischen Thema am Wahltag ausreichend mobilisiert ist, werden
Wahlen auch zu einer Abstimmung über dieses Thema und zu einer Restriktion der außen-
politischen Handlungsoptionen einer Regierung. Da die öffentliche Aufmerksamkeit für
außenpolitische Ereignisse über die Zeit nachlässt und sich retrospektives Wahlverhalten
insbesondere an Regierungsentscheidungen im engeren Vorfeld einer Wahl bemisst, ist die
wahlpolitische Relevanz einer außenpolitischen Entscheidung umso größer, je enger der
zeitliche Zusammenhang zwischen dieser Entscheidung und dem Wahltermin ist (Zaller
1992: 48–49; Russett 1990: 107–110). Schließlich können Wahlen nur dann zu einem wir-
kungsmächtigen Instrument der öffentlichen Einflussnahme auf Außenpolitik werden, wenn
außenpolitische Themen Gegenstand eines Dissenses unter den konkurrierenden Eliten sind.
Nur unter dieser Bedingung hat die Bevölkerung in Wahlen tatsächlich die Auswahl zwi-
schen alternativen außenpolitischen Angeboten, die sie zur Grundlage ihrer Wahlentschei-
dung machen kann. Die Existenz eines Elitendissenses ist die Voraussetzung dafür, dass sich
Wahlen als wirksames Instrument der Öffentlichkeit zur Ex post-Sanktionierung von außen-
politischem Regierungshandeln darstellen (Aldrich et al. 1989: 127–132).
3.4 Fazit
Aus der liberalen Perspektive erklärt sich Außenpolitik als Funktion durchsetzungsstarker
gesellschaftlicher Interessen. Der Ausgangspunkt der Analyse ist eine Bottom-up-Konzeption
des politischen Prozesses, in der Regierungen als Transmissionsriemen gesellschaftlicher
Interessen modelliert sind und diese zu außenpolitischen Staatspräferenzen aggregieren. Eine
liberale Erklärung von Außenpolitik umfasst dabei zwei Schritte. Zunächst untersucht der
Ansatz die relativen Einflusschancen konkurrierender gesellschaftlicher Interessen und er-
klärt daraus die innerstaatliche Bildung von außenpolitischen Präferenzen. Im zweiten Schritt
widmet sich die Analyse den Chancen und Restriktionen der außenpolitischen Umsetzung
innerstaatlich gebildeter Präferenzen. Hierbei werden die Interdependenzbeziehungen zwi-

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