76 5 Der Zwei-Ebenen-Ansatz
Diese Literatur nutzte die Konzeption des Ansatzes für eine Vielzahl unterschiedlicher und
zum Teil vergleichend angelegter Fallstudien und überprüfte damit zentrale Hypothesen des
Ansatzes (vgl. Evans et al. 1993; Lehmann/McCoy 1992; McLean/Stone 2012). Andere,
stärker theoretisch orientierte Arbeiten verfolgten zudem die Absicht, den Zwei-Ebenen-
Ansatz konzeptionell weiterzuentwickeln und zu modifizieren (vgl. Schoppa 1993; Iida
1993; Zangl 1994; Mo 1994; Milner 1997; Pahre 2003; Oppermann 2008a; Deets 2009).
Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die theoretischen Grundlagen des Zwei-Ebenen-
Ansatzes und zeigt dessen Implikationen für wichtige Fragestellungen der Außenpolitikfor-
schung auf (Tab. 5.1). In diesem Sinne wird die Zwei-Ebenen-Literatur zunächst innerhalb
des theoretischen Spektrums unterschiedlicher Ansätze der Außenpolitikanalyse verortet,
bevor die konstituierenden Annahmen und das konzeptionelle Gerüst des Ansatzes herausge-
arbeitet werden können. Schließlich wendet sich das Kapitel den Folgerungen der Zwei-
Ebenen-Perspektive für die Analyse zwischenstaatlicher Kooperation und damit einem zen-
tralen Erkenntnisinteresse der Zwei-Ebenen-Literatur zu.
5.1 Theoretische Einordnung
Der theoretische Ausgangspunkt des Zwei-Ebenen-Ansatzes ist der Anspruch, systemische
und subsystemische Erklärungsfaktoren außenpolitischen Handelns in einem in sich konsis-
tenten Analyseansatz zu verbinden. Anreize und Zwänge auf beiden Ebenen werden in einem
Zwei-Ebenen-Spiel als analytisch gleichgewichtige, simultan wirkungsmächtige und mitei-
nander interagierende Bedingungsfaktoren staatlicher Außenpolitik modelliert. Der Ansatz
wendet sich damit gegen die methodologische Position, dass es unzulässig sei, innerhalb
eines Theoriekonzeptes die Grenzen zwischen zwei Analyseebenen zu durchbrechen (vgl.
Singer 1961: 90–92). Vor diesem Hintergrund wird der Ansatz auch als Versuch rezipiert,
einen fruchtbaren Austausch zwischen den politikwissenschaftlichen Subdisziplinen der
Internationalen Politik und der Vergleichenden Politikwissenschaft anzustoßen und For-
schungsansätze beider Bereiche in einem Konzept der Außenpolitikanalyse zu integrieren
(vgl. Caporaso 1997: 566–575).
Der Zwei-Ebenen-Ansatz bietet den theoretischen Rahmen für eine systematische Analyse
der bereits in den 1950er Jahren und verstärkt seit den 1960er Jahren postulierten Abhängig-
keit außenpolitischen Handelns von Erklärungsfaktoren sowohl auf der Ebene des internatio-
nalen Systems als auch auf der Ebene des innerstaatlichen Politikprozesses (vgl. Snyder
1952: 64–69; Rosenau 1966: 27–31; Hanrieder 1967: 1–10; Gourevitch 1978: 900–911). So
konnte eine Bestandsaufnahme des Forschungsstandes in der Disziplin der Außenpolitikana-
lyse bereits im Jahre 1966 darauf verweisen, dass eine wachsende Zahl von Untersuchungen
staatlicher Außenpolitik von der Annahme geleitet sei „that foreign policy behavior is a reac-
tion to both external and internal stimuli and that one breaks into the chain of causation only
for analytic purposes“ (Rosenau 1966: 31). Gleichzeitig konstatierte James Rosenau in der-
selben Bestandsaufnahme jedoch eine wachsende Diskrepanz zwischen dem Bewusstsein um
die Interaktion systemischer und subsystemischer Bedingungsfaktoren staatlicher Außenpoli-
tik auf der einen Seite und dem Stand der theoretisch-konzeptionellen Entwicklung zur sys-
tematischen Analyse dieser Interaktion auf der anderen Seite (Rosenau 1966: 32–35).
Im Lichte dieses oft problematisierten Defizits in der Theoriebildung ist es die Absicht des
Zwei-Ebenen-Ansatzes, über die bloße Feststellung eines unbestimmten Zusammenhangs

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