5.5 Literatur 91
wahlpolitische Interessen zu wahren. Die primäre Restriktion des außenpolitischen Hand-
lungsspielraums von Regierungen in Zwei-Ebenen-Konstellationen besteht darin, dass jede
internationale Vereinbarung auf innenpolitischer Ebene formal oder informell ratifiziert wer-
den muss. Das Konzept des win-sets erfasst die Gesamtheit innenpolitisch ratifizierbarer
außenpolitischer Entscheidungen und markiert somit den außenpolitischen Möglichkeitsraum
von Regierungen.
In der empirischen Anwendung des Zwei-Ebenen-Ansatzes gilt es insbesondere, systema-
tisch und theoriegeleitet die Grenzen des win-sets der untersuchten Regierungen herauszu-
arbeiten. Dazu müssen vor allem die institutionelle Ausgestaltung des Ratifikationserforder-
nisses, die Präferenzen innenpolitischer Vetospieler sowie die strategischen Optionen und
Ressourcen einer Regierung und ihrer Verhandlungspartner, ihrerseits Einfluss auf innerstaat-
liche Ratifikationsprozesse zu nehmen, berücksichtigt werden. Aus der Größe und Konfigu-
ration innenpolitischer win-sets können in der Zwei-Ebenen-Analyse Rückschlüsse auf
außenpolitische Verhandlungsstrategien von Regierungen sowie auf deren internationale
Verhandlungsmacht und die Wahrscheinlichkeit zwischenstaatlicher Kooperation gezogen
werden. Im Kern verfolgt der Zwei-Ebenen-Ansatz somit den Anspruch, systemische und
subsystemische Bedingungsfaktoren von Außenpolitik theoretisch schlüssig in einem einzi-
gen Erklärungsmodell zu integrieren.
Für die weitere Forschung gilt es insbesondere, diesen theoretischen Anspruch auch empi-
risch einzulösen. Obwohl der Zwei-Ebenen-Ansatz innenpolitische und internationale Anrei-
ze als simultan wirksame, interdependente und a priori gleichgewichtige Restriktionen von
Außenpolitik versteht, beschränken sich die empirischen Anwendungen des Ansatzes oftmals
auf den Einfluss nur einer – meistens der innenpolitischen – Ebene und halten Faktoren auf
der anderen Ebene konstant. Obwohl dies aus forschungspraktischer Sicht nachvollziehbar
erscheint, wird es dem theoretischen Kern der Zwei-Ebenen-Analyse nicht vollständig ge-
recht. Ein zweiter Ansatzpunkt für die Weiterentwicklung des Ansatzes betrifft die Bestim-
mung innenpolitischer win-sets. Hier besteht die Herausforderung darin, über häufig recht
beliebige Listen innenpolitischer Restriktionen hinauszugehen und die Grenzen von win-sets
systematisch aus einem allgemeinen theoretischen Rahmen abzuleiten. Zu diesem Zweck
wurde beispielsweise die Verbindung der Zwei-Ebenen-Analyse mit dem Principal-Agent-
Ansatz vorgeschlagen (Oppermann 2008b). Es wäre lohnenswert, die Tragfähigkeit dieses
Vorschlags in unterschiedlichen außenpolitischen Handlungskontexten empirisch zu überprü-
fen. Ebenso vielversprechend wären schließlich vergleichende Studien zu den Erfolgsbedin-
gungen von Regierungsstrategien zur Beschränkung (tying hands) oder Ausweitung (cutting
slack) innenpolitischer Handlungsspielräume in Zwei-Ebenen-Kontexten.
5.5 Literatur
Axelrod, Robert/Keohane, Robert O. (1993) Achieving Cooperation Under Anarchy: Strategies and
Institutions. In: Baldwin, David A. (Hrsg.) Neorealism and Neoliberalism. The Contemporary Debate.
New York: Columbia University Press, 85–115.
Bueno de Mesquita, Bruce/Ray, James L. (2001) The National Interest Versus Individual Political
Ambition. Two Level Games and International Conflict. Paper presented at the Annual Meeting of the
American Political Science Association, August 30–September 2, San Francisco.

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