96 6 Der organisationstheoretische Ansatz
scheidungsprozessen innerhalb von Regierungsorganisationen und auf deren außenpoliti-
schen Implikationen.
Um die zentrale Argumentationslogik des Ansatzes nachvollziehbar zu machen (Tab. 6.1),
beginnt die nachfolgende Darstellung mit der Einordnung des organisationstheoretischen
Analysemodells in einen breiteren theoretischen Rahmen. Daran anschließend werden zu-
nächst die zentralen Merkmale und Regelmäßigkeiten organisationsinterner Entscheidungs-
prozesse erläutert, durch die außenpolitische Entscheidungen aus Sicht dieses Modells be-
dingt sind. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Bedeutung organisatorischer Routinen (vgl.
auch Jäger/Oppermann 2006). Schließlich ist in einem dritten Abschnitt zu konkretisieren, in
welcher Art und Weise die Verfahren der Entscheidungsfindung innerhalb von Organisatio-
nen Einfluss auf Außenpolitik gewinnen.
6.1 Theoretische Einordnung
Der organisationstheoretische Ansatz der Außenpolitikanalyse basiert auf zwei Literatur-
strängen, die ihrerseits in einem engen Zusammenhang stehen. Erstens ist die organisations-
theoretische Analyse von Außenpolitik dem Konzept der „begrenzten Rationalität“ (bounded
rationality) nach Herbert Simon verpflichtet (Simon [1945] 1959, 1957). Zweitens über-
nimmt der Ansatz die zentrale Argumentationslinie eines vor allem von James March, Ri-
chard Cyert und Herbert Simon begründeten administrativen Zweiges der Organisationstheo-
rie – der Carnegie School –, der die Entscheidungsfindung innerhalb von Organisationen in
den Mittelpunkt seines Erkenntnisinteresses rückt (March/Simon 1958; Cyert/March 1963).
Das Konzept der bounded rationality (siehe auch die Einleitung zu Teil III) wurde als verhal-
tenswissenschaftliche Kritik an der in der Ökonomie vorherrschenden Rationalitätsannahme
formuliert und dabei wesentlich durch Erkenntnisse der Psychologie informiert. Es stellt dem
vollständig rationalen Homo economicus den begrenzt rationalen Homo psychologicus ent-
gegen (Simon 1985: 303). Zwar richten auch begrenzt rationale Akteure ihre Handlungen
intentional auf die Umsetzung bestimmter Ziele aus. Anders als vollständig rationale Akteure
unterliegen sie dabei jedoch Beschränkungen ihrer kognitiven Fähigkeiten, die es ihnen an-
gesichts der Komplexität ihrer Umwelt unmöglich machen, objektiv rationale, also Nutzen
maximierende Entscheidungen zu treffen:
“The capacity of the human mind for formulating and solving complex problems is
very small compared with the size of the problems whose solution is required for ob-
jectively rational behaviour in the real world – or even for a reasonable approximation
to such objective rationality” (Simon 1957: 198).
Insbesondere können Individuen nur auf begrenzte Kapazitäten der Informationsverarbeitung
zurückgreifen. Ihre Entscheidungsfindung gründet daher auf einer unvollständigen Sichtung
und Evaluation möglicher Handlungsalternativen sowie auf ungenauen Kalkulationen über
die jeweiligen Konsequenzen der berücksichtigten Alternativen. Im Gegensatz zu den An-
nahmen der klassischen Wirtschaftstheorie geht den Entscheidungen begrenzt rationaler
Akteure somit keine umfassende und exakte Analyse des relevanten Entscheidungskontextes
voraus (Simon 1985: 294–297; Steinbruner 1974: 65–66). Vielmehr sind sie bestrebt, die
Komplexität der an sie gestellten Anforderungen der Entscheidungsfindung so zu reduzieren,
dass diese mit den verfügbaren kognitiven Kapazitäten bewältigt werden können. Dafür

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