140 8 Prospect Theory
Levy 2003; Mercer 2005; Wilson 2011) nachzuzeichnen oder die Theorie gar in all ihren
Facetten darzustellen.
8.1 Grundlagen der Prospect Theory
Im Mittelpunkt der Prospect Theory steht die Entscheidungsfindung unter Risiko (decision
making under risk). Risiko (risk) verweist auf Situationen, in denen – im Unterschied zu
Ungewissheit (uncertainty) – Eintrittswahrscheinlichkeiten von Ergebnissen zwar bekannt
sind, diese jedoch – im Unterschied zu Gewissheit (certainty) – weder 0 (d. h. tritt nicht ein)
noch 1 (d. h. tritt ein) sind (Levy 1992a: 172–173). Für solche Entscheidungssituationen
werden von der Prospect Theory zentrale Annahmen der Expected Utility Theory (EUT; dt.:
Erwartungsnutzentheorie) hinterfragt. Die Prospect Theory wurde von Kahneman und
Tversky (1979: 263) ausdrücklich in Abgrenzung zur EUT (siehe auch die Einleitung zu Teil
III) entwickelt, die gemeinhin als die dominante Theorie zur Erklärung von Entscheidungen
unter Risiko gilt.
Die Grundannahmen – Jack Levy (1992a: 174) sprich von den „descriptive foundations“ –
der Prospect Theory, auf denen die „eigentliche“ Theorie (Kap. 8.2) beruht, lassen sich wie
folgt zusammenfassen:
“Prospect theory posits that individuals evaluate outcomes with respect to deviations
from a reference point rather than with respect to net asset levels, that their identifica-
tion of this reference point is a critical variable, that they give more weight to losses
than to comparable gains, and that they are generally risk-averse with respect to gains
and risk-acceptant with respect to losses” (Levy 1992a: 171).
Es geht somit um die Bedeutung von Referenzpunkten in Entscheidungssituationen und um
die unterschiedliche Behandlung von Gewinnen und Verlusten durch Entscheidungsträger.
Darüber hinaus gibt es eine Reihe weiterer im Widerspruch zu den Annahmen der EUT ste-
hender Verhaltensmuster, die Kahneman und Tversky in Laborexperimenten nachweisen
konnten. Auch wenn diese Experimente häufig Entscheidungssituationen zum Gegenstand
hatten, die auf monetäre Gewinne oder Verluste bezogen waren, sollten die empirischen
Beobachtungen auch auf andere Typen von Risikoentscheidungen (Levy 1992a: 174) sowie
allgemein, trotz der damit verbundenen Schwierigkeiten, vom Labor auf die politische Praxis
übertragbar sein (eher skeptisch hierzu Shafir 1992).
Wie der Name der Theorie besagt, stehen Erwartungen (prospects) von Entscheidungsträgern
im Mittelpunkt. Laut Kahneman und Tversky (1979: 263) lassen sich Entscheidungen unter
Risiko als die Wahl zwischen unterschiedlichen Erwartungen konzipieren. Die Prospect
Theory geht davon aus, dass sich der Wert einer Entscheidung für den Entscheidungsträger
aus der Größenordnung von relativen Gewinnen bzw. Verlusten ergibt, die eine Entscheidung
nach sich ziehen sollte. Die Theorie fokussiert somit auf Veränderungen: „[T]he carriers of
value are changes in wealth or welfare, rather than final states“ wie bei der EUT (Kahneman/
Tversky 1979: 277; unsere Hervorhebung).
Veränderungen – sprich: Gewinne oder Verluste – werden dabei gegenüber einem neutralen
Referenzpunkt (reference point) ermittelt. Ergebnisse, die besser sind als der Referenzpunkt,
gelten als Gewinne und Ergebnisse, die schlechter sind, als Verluste. Zumeist wird der Status
quo als Referenzpunkt heranzogen. Es kann jedoch auch vorkommen, dass Gewinne und

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