162 9 Der Operational Code-Ansatz
Schluss, dass Holstis Typologie zu undifferenziert sei. Die Überzeugungen politischer Akteu-
re wären vielschichtiger als von Holsti angeführt, was sich beispielsweise an Überschnei-
dungen zwischen den einzelnen Typen zeige (Walker/Falkowski 1984).
9.2 Weiterentwicklungen des Operational Code-Ansatzes
Basierend auf der Kritik an der zu wenig komplexen und obendrein statischen, weil keine
Veränderungen zulassenden Typologie entwickelten Walker und Kollegen (Walker et al.
1998, 1999, 2005) eine im Vergleich zu Holsti (wie auch zu Leites und George) grundsätz-
lich veränderte Sichtweise auf Operational Codes. Unterschiede zeigen sich insbesondere in
drei Bereichen, und zwar hinsichtlich der Stabilität von Operational Codes, ihrer Reichweite
sowie mit Blick auf den Einfluss, der ihnen auf außenpolitische Entscheidungen zugespro-
chen wird.
Zunächst galten Überzeugungen als weitgehend stabil. George verwies sogar darauf, dass
sich Entscheidungsträger gegen Änderungen ihrer Überzeugungen „sperren“ könnten. Wi-
derstände seien insbesondere dann zu erwarten, wenn Überzeugungen „doktrinären Charak-
ter“ (George 1969: 217) angenommen hätten. Als unabänderlich galten Operational Codes
jedoch von Anfang an nicht. Die Überzeugungen von Einzelpersonen können sich beispiels-
weise ändern, wenn geschichtliche Entwicklungen zu einer Neubewertung einer Situation
oder eines Gegners führen (George 1969: 218–220). Jonathan Renshon (2008: 837–839)
nennt wiederum Veränderungen in den Rollen bzw. Ämtern von Akteuren sowie traumatische
Ereignisse als mögliche Ursachen für Veränderungen.
In den letzten Jahren hat sich die Annahme, dass Überzeugungen nicht stabil sind, als die
vorherrschende Sichtweise etabliert. Walker et al. (1998: 176) bezeichnen Operational Codes
als „a set of alternative ‚states of mind’“ eines Entscheidungsträgers. Dies schließt Möglich-
keiten für Veränderungen von Überzeugungen, etwa durch Lernen, ebenso ein wie die weiter
unten noch zu diskutierende Entwicklung von „themenspezifischen“ Überzeugungen.
Walker und Schafer (2000) identifizierten beispielsweise den Operational Code des ameri-
kanischen Präsidenten Lyndon Johnson im Zuge der Eskalation des Vietnamkriegs. Sie unter-
teilten den Zeitraum von November 1964 bis Juli 1965 in zwei Phasen: Phase 1 endete mit
der Entscheidung zur Durchführung von massiven Luftschlägen gegen Nordvietnam und
Phase 2 mit der Entscheidung für eine unbefristete Entsendung von Bodentruppen in den
Süden. Die Autoren zeigen, dass es zwischen den beiden Phasen in mehr als der Hälfte der
Operational Code-Elemente (u. a. bei P-3, P-4 und I-3) zu statistisch signifikanten Verände-
rungen kam (Walker/Schafer 2000: 537).
Renshon (2008) unterteilte die Amtszeit von US-Präsident George W. Bush ebenfalls in meh-
rere Phasen und stellte zumindest für einige Elemente von dessen Operational Code eben-
falls signifikante Veränderungen fest. Diese betrafen insbesondere die philosophischen Über-
zeugungen von Bush. Vor diesem Hintergrund, sowie unter Verweis auf andere Studien (u. a.
Feng 2005; Malici/Malici 2005), legt Renshon (2008: 827) nahe, dass sich philosophische
Überzeugungen eher bzw. leichter veränderten, wohingegen sich instrumentelle Überzeu-
gungen als stabiler erwiesen und etwaige Änderungen von geringerer Reichweite seien.
Seine Erklärung hierfür lautet: „We can […] conceive of the instrumental aspects of the ope-
rational code as comprising part of an individual’s identity, with the philosophical beliefs

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