10.2 Die zweite Stufe des Entscheidungsprozesses 181
ten Handlungsoption zufrieden gäben und mit der Informationssuche aufhörten, sobald eine
solche gefunden worden sei. Die von den Akteuren ausgewählte Option ist somit nicht zwin-
gend die „beste“, weil den Nutzen maximierende. Sie verspricht „lediglich“, einen vom Ent-
scheidungsträger a priori definierten Nutzen entlang bestimmter Dimensionen zu erfüllen
bzw. zu übersteigen, wodurch sie als akzeptabel gilt. Rationalistische Ansätze gehen hin-
gegen davon aus, dass Entscheidungsträger auf die Maximierung ihres Nutzens aus sind und
entsprechend stets die aus ihrer Sicht „beste“ Option auswählen.
In der ersten Stufe des Entscheidungsprozesses der PHT zeigt sich safisficing daran, dass,
wie geschildert, die Handlungsoptionen nur entlang bestimmter Dimensionen geprüft werden
und ausschließlich diejenigen Optionen „überleben“, die gewissen Mindestanforderungen
zumeist gegenüber der innenpolitischen Dimension genügen. Diese Optionen gelten als „gut
genug“ und werden deshalb nicht eliminiert. In der zweiten Phase des Entscheidungsprozes-
ses, auf die sich nunmehr der Blick richtet, steht hingegen die Nutzenmaximierung im Mit-
telpunkt.
10.2 Die zweite Stufe des Entscheidungsprozesses
In der zweiten Stufe des Entscheidungsprozesses geht es um die Festlegung der Entschei-
dungsträger auf eine Handlungsoption. Zur Auswahl stehen diejenigen Optionen, die die
erste Stufe des Entscheidungsprozesses „überlebt“ haben, sprich all jene, die den Mindestan-
forderungen an der als maßgeblich eingestuften Dimension (i. d. R. die Innenpolitik) erfüllt
haben. Diese Optionen werden nun „umfassend“ und somit ohne die Nutzung von Heuristi-
ken geprüft. Sollte nach der ersten Stufe nur eine Option übrig bleiben, wird diese in der
zweiten Stufe dahingehend geprüft, wie sich Kosten minimieren und Nutzen maximieren
lassen, was zu einer Verfeinerung bzw. Spezifizierung der Option führen kann (Mintz 1993:
600).
In der zweiten Stufe zeigt sich die rationalistische Komponente der PHT. Die nunmehr grei-
fenden Annahmen bezüglich der Aufnahme und Verarbeitung von Informationen unterschei-
den sich grundlegend von denjenigen der ersten Stufe (Tab. 10.2). Das Ziel der Entschei-
dungsträger besteht darin, diejenige Option zu identifizieren, die das beste Verhältnis von
Nutzen, Kosten und Risiken verspricht. Zu diesem Zweck führen die Entscheidungsträger
eine umfassende (holistic) Suche nach Informationen durch. Zudem prüfen sie die verbliebe-
nen Optionen entlang aller als relevant angesehenen Dimensionen (alternative-based proces-
sing), wobei bestimmten Dimensionen durchaus eine größere Gewichtung als anderen zuge-
wiesen werden kann. Allein entscheidend ist jedoch keine. Weiterhin kommt es nun bei der
Prüfung der Optionen zur Kompensation von schlechten Werten in einer Dimension mit
guten Werten in anderen Dimensionen (compensatory principle). Darüber hinaus wird der
Einfluss unterschiedlicher Präsentationen (framing) ein und desselben Sachverhalts wie auch
der Reihenfolge, in der beispielsweise Optionen geprüft werden (invariance assumption), auf
die Entscheidung der Akteure verneint.
Und schließlich geben sich Entscheidungsträger auch nicht länger mit einer ausreichend
guten Option zufrieden (satisficing), sondern sind auf die Auswahl der bestmöglichen Option
aus. Einschränkend ist freilich anzumerken, dass dies nur für diejenigen Optionen zutrifft,
die es überhaupt in die zweite Stufe des Entscheidungsprozesses geschafft haben. Die insge-
samt beste Option könnte nämlich bereits in der ersten Stufe des Entscheidungsprozesses
182 10 Poliheuristic Theory
ausgeschlossen worden sein, weil sie – trotz ihrer Vorzüge in anderen Dimensionen (Diplo-
matie, Wirtschaft etc.) – in der als Bewertungsmaßstab herangezogenen Dimension den Min-
destanforderungen nicht entsprochen hat. Eine solche Konstellation ändert allerdings nichts
daran, dass die Entscheidungsträger in der zweiten Stufe bestrebt sind, unter den verbliebe-
nen Optionen die bestmögliche auszuwählen. Ingesamt verdeutlichen diese vielfältigen
Unterschiede zwischen der ersten der zweiten Stufe des Entscheidungsprozesses, dass Akteu-
re „use a mixture of decision strategies en route to a single choice“ (Mintz/Geva 1997: 83).
Tab. 10.2: Das Zweistufen-Modell der Poliheuristic Theory
Erste Stufe
des Entscheidungsprozesses
Zweite Stufe
des Entscheidungsprozesses
Komponente der
Theorie
Kognitive Komponente
(Nutzung von Heuristiken)
Rationalistische Komponente
Zweck Ausschluss von (i. d. R.
innenpolitisch) inakzeptablen
Handlungsoptionen
Auswahl der „besten“ (verbliebe-
nen) Handlungsoption
Ziel Verringerung der zu prüfenden
Handlungsoptionen
Festlegung auf eine Handlungsop-
tion („eigentliche“ Entscheidung)
Entscheidungsregel Elimination-by-Aspect (EBA)/
Lexicographic (LEX)
Expected Utility
Prozesscharakteristika
(a) Art der Informa-
tionssuche
Nicht umfassend (nonholistic) Umfassend (holistic)
(b) Prüfung entlang
von…
Dimensionen (v. a. Innen-
politik) (dimension-based
processing)
Handlungsoptionen
(alternative-based processing)
(c) Trade-offs zwischen
Dimensionen
möglich?
Nein
(noncompensatory principle)
Ja
(compensatory principle)
(d) Framing sowie
Reihenfolge der
Heranziehung von
Dimensionen wichtig?
Ja Nein
(e) Satisficing? Ja: Optionen, welche (innen-
politischen) Mindestanforde-
rungen genügen, werden „aus-
gewählt“ (im Sinne von nicht
eliminiert)
Nein: Auswahl der besten
(verbliebenen) Option

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