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10.4 Anwendungen
Als eine der Stärken der PHT gilt ihre Offenheit für unterschiedliche methodische Zugänge
(Redd et al. 2010). In der Tat ist die Theorie bereits in Verbindung mit einer Reihe von Me-
thoden eingesetzt worden, inklusive quantitativer und formaler Methoden (zu letzterem Go-
ertz 2004; Ye 2007). Der Schwerpunkt liegt jedoch auf qualitativen Fallstudien und, bereits
zu einem geringeren Grad, auf experimentellen Designs. Die nachfolgenden Beispiele ver-
deutlichen aber nicht nur die methodische Offenheit der PHT, sondern illustrieren ferner ihre
breite empirische Anwendung, sowohl thematisch (Einsatz militärischer Gewalt, Atomwaf-
fentests, Umweltpolitik etc.) als auch bezüglich der in den Blick genommenen Staaten (west-
liche wie auch nicht westliche Staaten; Demokratien wie auch nicht demokratische Staaten).
Ein Beispiel für eine qualitative Fallstudie ist der Aufsatz von Michelle Taylor-Robinson und
Steven Redd, in dem sie den Einfluss von framing auf außenpolitische Entscheidungen dis-
kutieren. Analysiert werden die Versuche der United Fruit Company (UFCO), Einfluss auf
die Haltung der US-Regierung unter Präsident Dwight Eisenhower zu nehmen. UFCO, die
aufgrund innenpolitischer Reformen (u. a. in Landfragen) ihre Interessen in Guatemala ge-
fährdet sah, sei sich bewusst gewesen, dass ihr ökonomisches Motiv allein nicht ausreichen
würde, um die US-Regierung zum Eingreifen zu bewegen. Aus diesem Grund habe sie
gegenüber amerikanischen Regierungsvertretern Guatemala als kommunistische Bedrohung
präsentiert, wofür es laut Taylor-Robinson und Redd (2003: 84) allerdings kaum Anhalts-
punkte gab. Dieses framing sei ausschlaggebend dafür gewesen, dass Eisenhower im Jahr
1954 die Entscheidung für eine verdeckte Operation zum Sturz der demokratisch gewählten
guatemaltekischen Regierung traf. Begünstigt worden sei der Einfluss von UFCO unter an-
derem durch die engen Verbindungen des Unternehmens zu hochrangigen Regierungsmit-
gliedern sowie durch die stark ausgeprägte anti-kommunistische Haltung des US-Präsidenten
(Taylor-Robinson/Redd 2003: 91–94). Aus diesen Punkten folgt, dass der situative Kontext
eine wichtige Rolle dahingehend spielt, zu welchem Grad framing – zumal durch Akteure
außerhalb der Regierung – Einfluss auf außenpolitische Entscheidungen haben kann.
Brulé analysiert wiederum die Entscheidung von US-Präsident Jimmy Carter zur Befreiung
amerikanischer Geiseln im Iran im April 1980. Carter habe im ersten Schritt aus den vorlie-
genden acht Optionen diejenigen ausgeschlossen (u. a. massive Luftschläge und Wirtschafts-
sanktionen), die er bemessen an der innenpolitischen Dimension – genauer: seinen Wieder-
wahlaussichten, die er gefährdet sah, wenn er die Geiseln nicht würde befreien können – als
ungenügend einschätzte. Aus den verbliebenen zwei Optionen wählte Carter anschließend
diejenige aus, die ihm den größten Nutzen mit Blick auf militärische und strategische Belan-
ge versprach, und zwar in Form der Entsendung eines kleinen – anstatt eines großen – Kon-
tingents von Elitesoldaten zur Befreiung der Geiseln (Brulé 2005: 103–107). Das Missglü-
cken der Geiselbefreiung steht dabei nicht im Widerspruch dazu, dass Carter die aus seiner
Sicht beste (jedoch eben nicht zwangsläufig Erfolg garantierende) Option auswählte. Innova-
tiv ist Brulés Aufsatz deshalb, weil er über die Falldiskussion hinaus Überlegungen darüber
anstellt, wann die PHT zur Vorhersage künftiger außenpolitischer Entscheidungen geeignet
ist. Hierfür müssten dem Analysten drei Aspekte bekannt sein: das konkrete innenpolitische
Kriterium, das in der ersten Stufe des Entscheidungsprozesses als Maßstab zum Ausschluss
von Handlungsoptionen herangezogen wird; diejenigen Optionen, die die Mindestanforde-
rungen entlang dieses Kriteriums erfüllen; sowie der zu erwartende Nutzen dieser verblei-
benden Optionen entlang der weiteren relevanten Dimensionen (Brulé 2005: 111).

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