144 4 Soziale Rahmenbedingungen und Regionen
geachtet. Ein Untergebener sollte drei Pflichten erfüllen, um die Wertschätzung,
Anerkennung sowie Fürsorge seines Vorgesetzten zu gewinnen. Es sind:
„einen sympathischen Eindruck machen“,
„den Chef (be)dienen“ und
„Aufgaben erfüllen“.
Dies sind auch die drei wichtigsten Grundlagen für den allgemeinen innergesell-
schaftlichen Aufbau einer harmonischen Beziehung. Darüber hinaus wird die „Loya-
lität gegenüber dem Chef“ extra betont. Weiterhin spielen das Schicksal oder das
Glück oft eine wichtigere und entscheidendere Rolle im Leben als Kompetenz und
Qualifikation.
Es ist auch besonders wichtig, im Geschäft einen guten Kontakt zur Partei- und der
Verwaltungsbürokratie aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Denn die Beziehungs-
arbeit ist im asiatischen Kulturraum ein grundlegendes wie erleichterndes Erforder-
nis für die tägliche Bewältigung der bürokratischen Arbeit und Hürden. Die zwei
Komponenten einer guten Beziehung sind in China erstens die emotionale und die
gegenseitige Wertschätzung, Respekt und Vertrauen. Und zweitens sind es die mate-
riellen, gegenseitigen und ständigen „Hin und Her“-Gefälligkeiten (vgl. Winkler,
2006, S. 23).
Die erwähnten Tipps sind übertragbar auf die vielen Arten und Wege von Bezie-
hungsaufbau und -pflege.
4.2 Regionale Besonderheiten
Ungeachtet grundlegender Gemeinsamkeiten gibt es in der Realität aber nicht
schlechthin den typischen Chinesen. Die Chinesen sind im Charakter genauso viel-
fältig wie die Anzahl ihrer Völker und Provinzen. Wenn man mit einem Chinesen
oder einer Chinesin in Verbindung steht, so ist es vor allem bei Geschäften wichtig,
folgende Hintergründe des Gegenübers zu berücksichtigen:
Herkunft: Provinz (aus der Stadt oder vom Land – zumindest ursprünglich wo
er bzw. sie herkommt)
Ausbildung bis hin zum Studium an einer landeseigenen oder Auslandshoch-
schule, die Studienfächer und der Studienabschluss sowie Auslandserfahrungen
Herkunft, Eltern und Geburtsgeneration
Erlebnisse und Lebenserfahrung
Beruf
4.2 Regionale Besonderheiten 145
4.2.1 Menschentypen nach regionalen Unterschieden
Im Verständnis von und bei Einteilung in Stereotypen können Chinesen grob nach
ihrer regionalen Herkunft aus dem Norden oder dem Süden unterschieden werden.
Ein typisches Beispiel für den Norden sind die Beijinger. Die Menschen im Süden
werden durch die Shanghaier und Guangdonger repräsentiert. Die Grenze bildet der
Yangtze-Fluss. Ein Sprichwort lautet: „Jedes Gebiet mit Wind und Wasser präsen-
tiert eine Art von Menschen.“ Zunächst werden einige Menschentypen aus verschie-
denen Provinzen vorgestellt. Sie decken zwar nicht das gesamte Spektrum aller
Menschen in diesem Gebiet ab, aber sie spiegeln die typischen Verhaltensweisen
und Charakterzüge der dortigen Bevölkerung im Alltag wider.
Es gibt einen chinesischen Witz: Ein Alien ist in China angekommen. Die Beijinger
würden fragen, ob es aus einer Welt des „Kapitalismus“ oder des „Sozialis-
mus“ kommt. Die Nordostler möchten dagegen lieber wissen wollen, ob es eine
Zerstörung anrichten will. Die Shanghaier werden es gleich in ihrem Museum aus-
stellen, um mit ihm Geld zu verdienen. Die Guangdonger werden erwägen, das
Alien zu essen. Die Wengzhouer sind neugierig bis begierig zu erfahren, ob man auf
seinem Planet Geschäfte machen kann (vgl. Lin, Yijun, 2005, S. 11). In diesem
chinesischen ‚Humor‘ spiegeln sich die verschiedenen Mentalitäten der jeweiligen
Regionen Chinas durchaus wider.
146 4 Soziale Rahmenbedingungen und Regionen
OstenWesten
Nord
Süd
heiter und freimütig
plaudern
gerne Alkoholtrinken
geiziger
geschäftsorientiert
praktischer Offenheit zu Ausländern
Abb. 4.1: Verschiedene Verhaltensweisen und Mentalitäten der Menschen zwischen Norden
und Süden
Aufgrund der gemeinsamen geografischen Herkunft oder ihrer Blutsverwandtschaft
organisieren Geschäftsleute meist regional eigenständige Verbände oder Vereini-
gungen, in denen sie ihren Mitgliedern Hilfs- und Schutzfunktionen anbieten und
gemeinsame ökonomische Aktivitäten organisieren. Diese Beziehungen und Bin-
dungen zwischen den Mitgliedern beruhen dabei heute stark auf wirtschaftlichen
Interessen. Teilweise sind in den Dörfern komplette Netzwerke zwischen Familien-
betrieben entstanden. Diese werden aktiv gepflegt sowie genutzt, und die Betriebe
sind arbeitsteilig miteinander verflochten (Produktion, Transport, Organisation des
Verkaufs in den Städten). Zugleich drängen einzelne Unternehmer in den lokalen
politischen Bereich, indem sie Mitglieder in einflussreiche Positionen bringen, oder
durch Geschenke an einflussreiche Kader für die Wahrnehmung der Interessen des
Netzwerkes zu gewinnen suchen (vgl. Tang, 1999, S. 44; Herberer, 2003, S. 789).
Dies hat für sie den Vorteil, dass die Wirtschaft schneller auf ihre Bedürfnisse,
Wünsche und jeweiligen Ziele eingeht. Das ökonomische Denken wirkt sich aller-
dings nach wie vor negativ auf den Umweltschutz aus, der lange nachrangig und
dem dann bei später auftretenden Problemen sowie der heutigen jungen Generation
mehr Beachtung geschenkt wird.

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