94 Der moderne Staat
um die Erklärung der Existenz und der Notwendigkeit des Staates als institutionalisierte
Form der Herrschaft von Menschen über Menschen, um die Begrenzung staatlicher Macht,
um deren Effektivierung zur Erfüllung gesellschaftlicher Aufgaben oder um die Transfor-
mation des Staates, weil von ihm keine Lösung erwartet wird. Darüber hinaus können die
Ziele der Herrschaft unterschiedlich definiert sein, sei es als Erhaltung sozialer Gemein-
schaften von Menschen, als Sicherung einer größtmöglichen individuellen Freiheit oder als
Bewältigung der in einer Gesellschaft verursachten Konflikte oder Widersprüche.
Während Fragen nach der Rechtfertigung und Ausgestaltung staatlicher Herrschaft
nach wie vor relevant sind, haben sich die Perspektiven auf die Gesellschaft und das Ver-
ständnis gesellschaftlicher Probleme im Lauf der Geschichte verschoben. Bis ins späte Mit-
telalter, zum Teil auch darüber hinaus, wurden die Menschen als Mitglieder natürlicher
Gemeinschaften betrachtet, und der Staat sollter die Erhaltung und Entwicklung dieser
Gemeinschaften sorgen. Die ältere Verfassungslehre lässt sich mit der vielfach formulierten
These zusammenfassen, dass diesem Ziel am besten durch eine Mischverfassung gedient
sei, in der gleichsam die Ordnung der Gesellschaft abgebildet werde, eine These, die von
den Theoretikern des absoluten Staates bestritten wird. Spätere organologische Staatstheo-
rien wollten das gleiche Ziel durch eine aufgeklärte Monarchie lösen, die Hobbes als im
Interesse der Individuen liegend rechtfertigte. Die Vertreter des reformierten Protestantis-
mus wandten sich dagegen gegen die Machtkonzentration im souveränen Staat und plädier-
tenr eine Föderation sozialer Gemeinschaften.
In der Neuzeit tritt das Problem der Sicherung individueller Freiheits- und Menschen-
rechte in den Vordergrund, das nach wie vor ein Kernthema der Staatstheorie ist. Den Ver-
tretern der liberalen Staatstheorie sowie den Theoretikern der Wohlfahrtsökonomik geht es
dabei vor allem um die Frage, ob und in welchem Maß staatliche Macht gerechtfertigt wer-
den könne, wenn die Freiheit der Individuen den höchsten Wert darstelle. Die neuzeitliche
Gewaltenteilungstheorie stellt die Frage nach der internen Ausgestaltung des Staates und
der Begrenzung der Macht mit dem Ziel der Freiheitssicherung. Die Staatsrechtslehre, die
den Rechtscharakter der Herrschaftsordnung betont, geht von der gleichen Prämisse aus,
tendiert aber dazu, sich auf die Effektivität der Herrschaft zu konzentrieren. Eine Überwin-
dung des Staates mit dem Ziel einer größtmöglichen Freiheit forderten Anarchisten, deren
Theorienr die Analyse des Staates nur am Rande einschlägig sind und daher hier nicht
berücksichtigt werden.
Im Zeitalter der Industrialisierung erkannte man dann, dass die Gesellschaft nicht ein-
fach aus einer natürlich geordneten Gemeinschaft von Menschen oder einer Ansammlung
von Individuen besteht, sondern eine durch Macht, Konflikte und Widersprüche geprägte
Struktur darstellt. Der Staat wird daher zunehmend unter dem Aspekt betrachtet, wie er sich
zu diesen Strukturen verhält. Im Zeitalter des demokratischen Verfassungs- und Wohl-
fahrtsstaates gilt das Interesse nach wie vor Fragen der Ausgestaltung der Verfassung. The-
orien des Staates wollten aber nun die Frage beantworten, welche Rolle dem Staat in der
industriellen oder postindustriellen Gesellschaft zuzuschreiben ist. Hegel konzentrierte sich
im Wesentlichen noch auf die Begründung der Notwendigkeit des existierenden Staates als
Institution, die Widersprüche der Gesellschaft überwinden könne. Systemtheoretiker erklä-
ren die Existenz des politischen Systems aus der funktionalen Differenzierung der Gesell-
schaft und machen dabei auf die Grenzen der staatlichen Steuerungsfähigkeit aufmerksam,
die in der Staatstheorie Hegels nicht als Problem erscheinen. Theorien des Pluralismus und
des Korporatismus behandelten die Frage, wie unter den Bedingungen einer modernen Ge-
sellschaft und der institutionellen und sozialen Machtteilung politische Konflikte bewältigt
werden können. Max Weber und Vertreter des „state-centred approach" in der Politikwis-
senschaft betonen die Autonomie des Staates und seine Effektivität gegenüber einer Gesell-

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