120 Der moderne Staat
Man fühlt sich eher als Badener oder Württemberger denn als Baden-Württemberger und
eher als Rheinländer oder Westfale denn als „Nordrhein-Westfale" (Mayntz 1995: 136).
Die Zugehörigkeit zu einem Land ist daherr die Bürger von untergeordneter Bedeutung.
Anders ist dies in multinationalen Bundesstaaten wie Belgien, Kanada oder Spanien. Hier
istr die Bürger die Zugehörigkeit zu den Provinzen bzw. autonomen Gemeinschaften mit
unmittelbaren Konsequenzen hinsichtlich ihrer sozialen Rechte und der politischen Kom-
munikation verbunden, die zwar nicht rechtlich, aber faktisch als Mobilitätsbarrieren wir-
ken und Unterscheidungen markieren. Die doppelte „Staatsbürgerschaft" ist dabei Ursache
ständiger Spannungen, weil in einzelnen Territorien die Bedeutung der gesamt- und der
einzelstaatlichen Mitgliedschaft unterschiedlich gewichtet wird. Genauso wie die Definition
der Staatsbürgerschaft als solcher ist die Differenzierung von Nationen innerhalb eines sol-
chen Bundesstaates in politischen Prozessen immer wieder neu zu entscheiden.
(c) Nation versus Gesellschaft
Die zweite Abgrenzung des Begriffes Staatsvolk bzw. Nation zielt auf die Unterschei-
dung zur Gesellschaft. Diese Unterscheidung bildet den Kern der Staatstheorie des 19. und
frühen 20. Jahrhunderts. In der Terminologie, die in der Zeit der Französischen Revolution
entstand, werden die gleichberechtigten Angehörigen einer politischen Nation, die Staats-
bürger, als Citoyens bezeichnet, während die Bürger als Mitglied der Gesellschaft Bour-
geois genannt werden (wobei dieser Begriff sich ursprünglich auf die Klassen der wirt-
schaftlich tätigen Eigentümer bezog; Koselleck 2006: 444-445). Beide Begriffe erfassen
unterschiedliche Rollen von Individuen, auf die ich im Zusammenhang der Erörterung der
Akteure im Staat näher eingehe (vgl. 3.1 [a]). Sie geben aber auch Anhaltspunkte, um die
institutionelle Struktur des Nationalstaates von der Gesellschaft abzugrenzen: Das Handeln
der Citoyens richtet sich auf die Verwirklichung gemeinschaftlicher Interessen in kollekti-
ven Entscheidungen (Estel 1994: 66). Die politisch aktiven Bürger streben nach Regeln und
Entscheidungen, die Konflikte zwischen individuellen Interessen minimieren. Um dies zu
erreichen, einigen sie sich auf grundlegende Ziele, Organisationsformen und Verfahrens-
weisen, die eine friedliche Austragung von Konflikten und akzeptable Entscheidungen er-
möglichen. Im Unterschied hierzu ist das Handeln der Bourgeois ausschließlich auf die
Verfolgung privater Interessen gerichtet. Kollektive Ziele werden im Rahmen der Gesell-
schaft indirekt verwirklicht, indem die individuellen Handlungen durch Tauschverträge
(Markt), durch Interessenverfolgung mittels durchsetzungsfähiger Organisationen (Verbän-
de), durch soziale Normen (Gemeinschaften) oder durch emotionale Bindungen an andere
Menschen (Freundschaften, Familie) koordiniert werden.
Ausgehend von diesen Überlegungen, können wir Gesellschaft und Nation weiterhin
unterscheiden, indem wir ihre Binnendifferenzierung berücksichtigen. Moderne Gesell-
schaften werden entsprechend der Vielfalt privater Interessen nach sozioökonomischen
Kriterien (Klassen) oder funktional differenziert. Nationen werden hingegen, weil sie der
Herstellung gemeinschaftlicher Interessen dienen, intern nicht differenziert. Sie stellen al-
lerdings ein besonderes Produkt gesellschaftlicher Differenzierung dar, weil sie in Reaktion
auf die Verselbständigung und Ausdifferenzierung der bürgerlichen Gesellschaft entstanden
sind, um im Kontext des Territorialstaates ein Minimum an Integration zu gewährleisten
(vgl. Gellner 1995) bzw. die Voraussetzungr eine demokratische Herrschaft zu erzeugen.
Mitglieder einer Gesellschaft sind ungleich, sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer jewei-
ligen Rollen, Interessen, Fähigkeiten, Ausbildung, Einkünfte und Vermögen etc. Der jewei-
ligen Ausprägung dieser Ungleichheit entsprechend werden Gesellschaften differenziert: In
der ständischen Gesellschaft war die Zugehörigkeit zu einem Stand das entscheidende
Merkmal der Verschiedenheit, in der Klassengesellschaft der Besitz oder das Einkommen,

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