Akteure und Interaktionsstrukturen im Staat 169
3 Akteure und Interaktionsstrukturen im Staat
Als Institution ist der Staat ein Normen- und Regelsystem, das unabhängig von Perso-
nen existiert. Die Wirklichkeit des modernen Staates wird jedoch erst erkennbar, wenn wir
die Wechselbeziehungen zwischen der Institutionenordnung des modernen Staates und den
Handlungen, Interaktionen und Interaktionsstrukturen in politischen Prozessen betrachten.
Folgende Fragen stellen sich: In welcher Weise wirken Akteure in politischen Prozessen
zusammen? Welche Handlungs- und Interaktionsstrukturen der Akteure werden in der In-
stitutionenordnung des modernen Staates erzeugt? Wie beeinflussen staatliche Institutionen
die Einstellungen und Handlungen der Akteure? Und wie werden sie durch Interaktionspro-
zesse verändert?
Mit den Akteuren im Staat stoßen wir erneut auf das Verhältnis zwischen Staat und
Gesellschaft. Zu den Merkmalen der Institutionenordnung des Staates gehört, wie ich oben
erläutert habe, dass der Staat als Institution von gesellschaftlichen Einrichtungen unter-
schieden wird. Bei dieser Unterscheidung handelt es sich um eine normative, aus politi-
schen Prozessen hervorgegangene Festlegung. Sie soll nicht zuletzt verhindern, dass die
Staatsgewalt die gesamte Gesellschaft umfasst. Insbesondere ist damit postuliert, dass der
moderne Verfassungsstaat die freien Entfaltungsmöglichkeiten der Menschen in der Gesell-
schaft nicht mehr als unbedingt erforderlich behindern soll. Mit dieser normativen Unter-
scheidung ist aber keinesfalls gesagt, dass Staat und Gesellschaft real getrennt sind. Zum
einen ist der Staat eine Institution in einer Gesellschaft. Zum anderen sind in den Interakti-
onen der Akteure Staat und Gesellschaft eng verflochten. Deswegen ist im Folgenden nicht
nur von Akteuren des Staates die Rede, sondern auch von Akteuren im Staat. In der Institu-
tion Staat handeln nicht nur Akteure, die den Staat repräsentieren - wie etwa gewählte Ab-
geordnete in Parlamenten, Regierungen, Verwaltungen, Gerichte etc. -, sondern auch ge-
sellschaftliche Akteure, die in spezifischen Rollen in Beziehungen zum Staat treten, wie
etwa Bürger, Parteien und Verbände. Auf dieser Ebene der Analyse muss also die Unter-
scheidung von Staat und Gesellschaft ergänzt werden, indem beide als interdependente
Handlungsbereiche betrachtet werden, die in den Interaktionen der Akteure miteinander
verflochten werden.
Wenn ich im Folgenden die Akteure in die Analyse des Staates einführe, so erhebe ich
nicht den Anspruch, Konkretes über das Funktionieren des modernen Staates aussagen zu
wollen. Es geht mir vielmehr darum, wesentliche Elemente einer politikwissenschaftlichen
Staatswissenschaft zu skizzieren, die über eine bloße Beschreibung seiner Formen und In-
stitutionen hinausfuhren kann und es ermöglicht, abstrakte Begriffe wie Territorialstaat,
Nationalstaat, Leistungsstaat, demokratischer Verfassungsstaat oder Verwaltungsstaat im
Hinblick auf ihre positiven und negativen Auswirkungen zu untersuchen. Mit dieser The-
matik hat sich die Staatswissenschaft lange Zeit nur am Rande befasst. Im 18. und 19. Jahr-
hundert findet man zwar Versuche, die Bewegungsgesetze des Staates zu ermitteln, man
suchte diese jedoch auf der Strukturebene und beschrieb den Staat vielfach als eine Ma-
schine oder einen lebenden Organismus, dessen Funktionsweise man in Analogie zum
menschlichen Körper betrachtete. In den Schriften von Lorenz von Stein, der sichr den
„arbeitenden Staat" interessierte, zeigt sich dies besonders deutlich (Stein 1887: 22-32). Mit
dem Begriff der Arbeit erfasste von Stein die Interaktionsprozesse zwischen Amtsträgern
und Gesellschaftsmitgliedern, in denen „unterschiedlich gelagerte Kompetenzen zu einem
einheitlich gerichteten Wirkungszusammenhang öffentlichen Handelns" gebracht werden
(Pankoke 1978: 413). Er umging aber eine genaue Analyse der Interaktionsprozesse, weil
er glaubte, die Prozesshaftigkeit des arbeitenden Staates mit seinem Organismusmodell
begriffen zu haben. Erst Max Weber interessierte sichr die Akteure im Staat und analy-

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