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Der moderne Staat
Hobbes wird in diesen Theorien das Eigeninteresse des Menschen an Freiheit und Siche-
rung seines Eigentums betont. Deswegen wird angenommen, dass autonome Individuen im
Vertrag, der den Staat konstituiert, nur die zur Konfliktregelung unbedingt notwendigen
Kompetenzen der Staatsgewalt übertragen. Die Beschränkung der individuellen Freiheit
durch staatliche Herrschaft soll auf das zur Freiheitssicherung erforderliche Maß beschränkt
werden. Die neuere Vertragstheorie postuliert damit einen liberalen Staat, der vor allem fur
Sicherheit und Garantie der Eigentumsordnung sorgt (Buchanan 1984; Nozick 1976). Der
Begriff des Bürgers, der dieser Theorie zugrunde liegt, entspricht dem nach Autonomie
strebenden Bourgeois, der sich der staatlichen Zwangsgewalt nur insoweit freiwillig unter-
wirft, als dadurch Sicherheit und Ordnung gewährleistet werden, vorausgesetzt, dass die
Bürger diese nicht selbst im Wege der Kooperation herstellen können. Dieser Bürger macht
allerdings die Ausübung der Staatsgewalt von seiner Zustimmung abhängig. Er versteht
sich als Kunde, der einzelne Entscheidungen des Staates nur akzeptiert, wenn sie seinen
Interessen nicht widersprechen. Robert Nozick zieht daraus die Konsequenz, dass der Staat
ein Dienstleistungsunternehmen ist, welches Rechtsschutz gewährt. James Buchanan sieht
diese radikale Beschränkung der Staatstätigkeit nicht als zwingend an. Er will die Autono-
mie des Bürgers dadurch gewährleisten, dass grundsätzlich alle staatlichen Entscheidungen
einstimmig getroffen werden. Qualifizierte Mehrheitsentscheidungen sollen unter der Be-
dingung zugelassen werden, dass die Mehrheitsregel in einer einstimmigen Entscheidung
über die Verfassung festgelegt wird. Wer von diesen Entscheidungen als Angehöriger der
Minderheit betroffen wird, muss sich auch gegen seinen Willen der staatlichen Regulierung
unterwerfen. Insofern gerät nach der Theorie Buchanans zumindest ein Teil der Bürger in
die Rolle von Untertanen. Um eine Tyrannei der Mehrheit zu verhindern, müssen Angehö-
rige der Minderheit durch Abwehrrechte geschützt werden. Die Institutionen des Rechts-
staates erst machen aus den Untertanen Rechtssubjekte, die sich gegen rechts- und verfas-
sungswidrige Eingriffe in ihre Autonomie wirksam wehren können. Deswegen fordert die
liberale Staatstheorie, dass die Staatsgewalt den Schranken des Rechtes unterworfen wird.
(2) Ganz andere Antworten auf die Beziehungen zwischen Bürgern und Staat gewinnt
man, wenn man annimmt, dass Bürger staatliche Entscheidungen akzeptieren, weil sie diese
als Beitrag zum Gemeinwohl bewerten. Diese Bewertung beruht nicht auf altruistischen
oder sozialen Motiven, sondern auf einem Gemeinschaftsbewusstsein der Mitglieder einer
politischen Einheit. Bürger unterwerfen sich demnach staatlichen Entscheidungen und sind
zu Opfern (Steuern, Wehrdienst) bereit, weil sie diese als moralische Verpflichtung emp-
finden. Die Anerkennung der „Staatsbürgerpflichten" kann auf drei unterschiedliche Grün-
de zurückgeführt werden, unter denen der erste auf eine autoritäre Ordnung zutrifft, die
letzten beiden (unter [b] zusammengefassten) nur in einem demokratischen Staat gelten.
(a) Zum Ersten können Bürger den Wert des Staates als solchen anerkennen und auf
die positiven Wirkungen staatlicher Entscheidungen vertrauen. Dass Menschen den Staat
um seiner selbst willen schätzen, nahm schon Aristoteles an, der den Staat als naturgegebe-
ne politische Gemeinschaft betrachtete, deren Zweck es sei, die Freiheit des Bürgers zu
gewähren. Staatstheorien, nach denen der Staat als natürlicher Organismus zu begreifen ist,
begründen hingegen oft eine etwas andere Sicht des Bürgers. Zum Teil betrachten sie den
Staat als Zweck an sich und postulieren ein „Staatsvertrauen", das letztlich nur von autori-
tätsgläubigen Personen erwartet werden kann, die weder als autonome Bourgeois noch als
engagierte Citoyens handeln. Der Bürger wird dann als Untertan betrachtet, der politisch
eher passiv ist und in einer manipulierbaren Masse untergeht. „Das Aufgehen im Ganzen"
(so der „Untertan" Dietrich Heßlich in Heinrich Manns bekanntem Roman) ist sein Bestre-
ben. Max Weber stellte dazu fest, dass die Hingabe an die Autorität des Staates noch in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts „in Deutschland ein schwerlich auszurottendes Erbteil
der ungehemmten patrimonialen Fürstenherrschaft geblieben ist". Über den Charakter des

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