Akteure und Interaktionsstrukturen im Staat 189
plexität der Aufgaben, die dem Staat in seinem Territorium zugewachsen sind, sind die
Organisationen, die Aufgaben erfüllen, zunehmend fachlich spezialisiert und nur nochr
bestimmte Politikbereiche zuständig. In der Verwaltung zeigt sich dies vor allem in der
Ausbildung von Sonderbehörden, die organisatorisch verselbständigt und nicht in den all-
gemeinen Verwaltungsaufbau eingegliedert sind. In der amerikanischen Verwaltung geht
die Sektoralisierung noch weiter als etwa in der deutschen, weil hier die lokalen Verwal-
tungsaufgaben zum Teil in spezialisierten Organisationen („special districts") erfüllt wer-
den und der Gesetzesvollzug oder die Erledigung von Leistungsaufgaben oft unabhängigen
Regulierungsagenturen („agencies") übertragen sind.
Im Prinzip nach ähnlichen Entscheidungsmodi wie die Verwaltung, aber unabhängig
von Parlamenten und Regierungen arbeiten die Gerichte (Plöhn 1997a). Sie entscheiden
Streitfalle zwischen Privaten, urteilen über eine Abwendung des Strafrechtes und Klagen
der Bürger gegen Maßnahmen staatlicher Organisationen. Die Schutz- und Kontrollfunkti-
on ist im Lauf der historischen Entwicklung des Rechtsstaates zur Streitschlichtungsfunkti-
on hinzugekommen, die eine Kernaufgabe jeder Herrschaft im Rahmen der Friedenssiche-
rungsfunktion darstellt. Dieser Funktionswandel hatte Konsequenzenr die Organisation
der rechtsprechenden Gewalt: Der rechtsstaatliche Schutz der Bürger gegen eine willkürli-
che Ausübung der Staatsgewalt erfordert eine unabhängige Justiz. Die klare Trennung der
Gerichte von den anderen Staatsorganen ist daher ein entscheidendes Strukturmerkmal des
modernen Rechtsstaates. Ebenso wie in der Verwaltung finden wir auch in der Gerichtsor-
ganisation einen hierarchischen Instanzenweg, der die Einheitlichkeit von Entscheidungen
und Kontrolle ermöglicht. Auch hier können wir eine Mischung aus territorialer und sekt-
oraler Gliederung feststellen. Eindeutige Zuständigkeitsverteilung sowie strikte Gebunden-
heit an materielle Rechtsnormen und Verfahrensregelungen kennzeichnen die Tätigkeit der
Justiz. Das schließt aber nicht aus, dass in der Praxis Entscheidungen ausgehandelt werden,
soweit das Recht dies ermöglicht.
Im Hinblick auf die Zurechnung von Handlungen und die Beziehungen zwischen
Staatsorganen und Bürgern ist auf einen wichtigen Unterschied zwischen den Parlamenten
einerseits und den anderen Staatsorganen hinzuweisen. Das Parlament handelt zwar als
Gesetzgebungsorgan einheitlich, seine Entscheidungen werden aber einzelnen Abgeordne-
ten oder Fraktionen zugerechnet, die gegenüber der Wählerschaft verantwortlich sind. In-
soweit erweist es sich aus der Akteursperspektive als ein korporativer Akteur und als Ver-
sammlung individueller Akteure oder - im Fall von Fraktionen - kollektiver Akteure. In
der ersten Form tritt es dem Bürger in dessen Adressatenrolle und in der zweiten dem Bür-
ger in dessen Rolle als Citoyen gegenüber. Das Staatsoberhaupt, die Regierungen (mit Ein-
schränkungen, da Ministerr ihr Ressort formal oder faktisch demokratisch verantwortlich
sind), Verwaltungsbehörden und Gerichte sind dagegen korporative Akteure, in denen das
Handeln eines Amtsinhabers der Organisation oder - im Fall der Regierung - der Gesamt-
heit der Amtsinhaber zugerechnet wird. Verantwortungr Fehlverhalten gegenüber den
Bürgern oder den Kontrollorganen muss der oberste Vertreter der Organisation überneh-
men.
Im Hinblick auf die Arbeitsweise des Staates können aus dieser zugegeben sehr gro-
ben Skizze der Organisationen des Staates folgende Erkenntnisse zusammengefasst werden:
1. Der Staat hat keine „Spitze", er ist keine hierarchische Organisation. Nur seine ausfüh-
renden Organisationen sind hierarchisch strukturiert, gleichzeitig aber intern so stark dif-
ferenziert, dass die Wirkung der Hierarchie signifikant reduziert wird. Die Macht im
Staat ist auf verschiedene Organe verteilt, die sich wechselseitig ergänzen wie hemmen.

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