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Der moderne Staat
führte die Praxis des Verkaufs von Ämtern dazu, dass die Verwaltung wegen Korruption
und mangelnder Professionalität ineffizient wurde, was sich vor allem in der Finanzverwal-
tung nachteilig auswirkte. „Der frühneuzeitliche Absolutismus besaß keinerlei Ähnlichkeit
mit dem Totalitarismus des 20. Jahrhunderts. Trotz seiner Regelungs- und Disziplinie-
rungswut waren seine Machtmittel viel zu beschränkt, auch fehlte den absoluten Monar-
chen die Bedenkenlosigkeit moderner Tyrannen und Ideologien" (Möller 1989: 281).
Schließlich schuf auch die merkantilistische Wirtschaftspolitik, deren Erfolg ohnehin be-
grenzt war, Bedingungenr den Niedergang des Absolutismus: Die neuen Produktions-
formen leiteten den Aufstieg des Bürgertums ein, während der alte „Schwertadel" an Macht
verlor (Anderson 1974; Held 1992). Die Entstehung des Kapitalismus, der später die politi-
schen Verhältnisse umwälzen sollte, begann mit der Ausbildung des nach wirtschaftlicher
Autarkie strebenden „geschlossenen Handelsstaats" (Hintze [1911] 1962: 482).
Der Absolutismus setzte sich nicht in allen Staaten Europas in gleicher Weise und zur
gleichen Zeit durch. In England, Schweden oder Polen etwa kann man bestenfalls von einer
kurzen Phase des Absolutismus sprechen, während er sich in Frankreich über zwei Jahr-
hunderte hielt und zur vollen Entfaltung gelangte (Ertman 1997). Sieht man von diesen
Variationen ab, kann man ihn wie folgt definieren:
„Absolutism signalled the emergence of a form of state based upon: the absorp-
tion of smaller and weaker units into larger and stronger political structures; a
strengthened ability to rule over a unified territorial area; a tightened system of
law and order enforced throughout a territory; the application of a 'more uni-
tary, continuous, calculable and effective' rule by a single, sovereign head; and
the development of a relatively small number of states engaged in an 'open-
ended, competitive, and risk-laden power struggle'" (Poggi 1978: 60-61).
Allerdings fehlten diesem Staat wichtige Kennzeichen der Modernität. Die Ausübung
der Herrschaftspraxis durch Amtsinhaber war weithin willkürlich. König wie Inhaber der
gekauften Ämter verfolgten persönliche Interessen und wurden daran durch keine Kontroll-
instanzen wirksam gehindert. Staatstätigkeit „war zu einem Gutteil von privaten A-
neignungs- und Sonderinteressen bestimmt" (Gerstenberger 1990: 326). Vormodern waren
auch die Legitimation der Herrschaft und die Beziehungen zwischen Staatsgewalt und
Staatsvolk (Anderson 1974). Bis ins 18. Jahrhundert wurde die absolute Herrschaft durch
Verweis auf eine göttliche Ordnung gerechtfertigt. Der König bzw. Fürst an der Spitze des
Staates war Beauftragter Gottes, der im Rahmen der göttlichen Ordnung gerechte Gesetze
erlassen und den Einzelnen wie die Gemeinschaft gegen innere und äußere Feinde schützen
sollte. Die „weltliche Herrschaft" geriet wegen dieses Anspruchs immer wieder in Konflikt
mit der „kirchlichen Herrschaft". Dies erklärt das spannungsreiche Verhältais zwischen
Staat und Kirche, das bis ins Zeitalter der Aufklärung die Geschichte des modernen Staates
entscheidend prägte. Der im späten Mittelalter ausgetragene Kampf um die „Suprematie"
zwischen Papst und Königen wurde zwar zugunsten der weltlichen Herrschaft entschieden,
diese stützte ihre Legitimität gleichwohl noch auf die Begründung durch den Glauben an
eine von Gott gewollte Ordnung.
Dieses Modell einer von Gott gewollten hierarchischen Herrschaftsordnung wurde be-
reits durch die Reformation erschüttert. Diese richtete sich bekanntlich gegen die Suprema-
tie des Papstes, und sie betonte die direkte Beziehung zwischen den Menschen und Gott.
Die in der christlich-jüdischen Tradition enthaltene Vorstellung von der Einzigartigkeit des
Individuums wurde damit ebenso wiederbelebt wie die Idee eines Bundes zwischen Gott
und den Menschen. Nach protestantischer Vorstellung wurde die Religion zu einer Angele-
genheit individuellen Verhaltens, der freien Entscheidung des Menschen, statt des Gehör-

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