Zum Begriff des Staates
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diese Linie der Staatstheorie durchsetzen. Sie wurde durch ein Staatsverständnis verdrängt,
nach dem der Staat eine Einheit von Gebiet, Volk und institutionalisierter Staatsgewalt ist.
Erst über den Umweg der amerikanischen Verfassungsdiskussion, über die Genossen-
schaftstheorie und über die Diskussion um die Gestaltung transnationaler Föderationen
gewann sie am Ende des 20. Jahrhunderts wieder an Bedeutung. In der politischen Ge-
schichte Europas entstand sowohl mit der Auflösung des Absolutismus als auch mit dem
Niedergang der föderativ-konsoziativen Herrschaftsformen der moderne Staat, dessen wei-
tere Herausbildung im Folgenden nachgezeichnet wird.
Der moderne Bundesstaat darf nicht als unmittelbare Verwirklichung der Konzeptio-
nen von Althusius und der ihm nahestehenden Politiktheoretiker verstanden werden, er
entstand vielmehr als Ergebnis der Staatsbildung unter besonderen Bedingungen. Er bein-
haltet alle Merkmale des modernen Staates mit dem wesentlichen Unterschied, dass Staats-
gebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt aufgeteilt sind. Diese Teilung resultierte aus politischen
Auseinandersetzungen im Prozess der Staatsbildung, wobei sich diese Lösung in einzelnen
Staaten aus sehr unterschiedlichen Gründen durchsetzte (Stepan 1999). Die schematische
Darstellung dieses Prozesses steht nach diesem Exkurs wieder im Mittelpunkt.
(e) Liberaler Verfassungsstaat
Die Religionskonflikte des 16. und 17. Jahrhunderts führten nicht nur zu weiteren
Kräfteverschiebungen zwischen den konkurrierenden kirchlichen und weltlichen Gewalten
des Ständestaates, sie lösten auch Auseinandersetzungen um die Begründung von Herr-
schaft aus. Die Tatsache, dass die „traditionale" Legitimation durch den Glauben in den
Bürgerkrieg mündete, veranlasste Thomas Hobbes (1588-1679) in England dazu, eine neue
wissenschaftliche Herrschaftsbegründung zu suchen. Diese sollte auf dem Prinzip beruhen,
dass alle Mitglieder einer Gesellschaft aus eigenen Interessen einer staatlichen Ordnung
zustimmen. Mit der Konstruktion des Gesellschaftsvertrages definierte Hobbes die Voraus-
setzungr eine rechtfertigungsfähige Herrschaft. Der Vertrag galt als „der rationale Ent-
stehungsgrund des Staates" (Kersting 1994), und seine Ausgestaltung leitete sich aus den
Ausgangsbedingungen vor dem Vertragsschluss, dem gesellschaftlichen „Naturzustand",
ab. Hobbes, der unter dem Eindruck der Religionskriege seiner Zeit stand, sah diesen Zu-
stand durch Konflikte und Kriege zwischen egoistischen Menschen gekennzeichnet. Der
Staat sollte daher vor allem dem Schutz der Bürger gegen Übergriffe anderer Menschen
dienen. Als solcher musste er nach Hobbes alle Machtmittel vereinigen und gegenüber den
Untertanen absolute Durchsetzungsfähigkeit beanspruchen können. Im hobbesschen Ver-
trag verzichten die Individuen aus Furcht von dem Kriegszustand auf ihre ursprüngliche
Freiheit und übertragen ihre Macht dem Souverän, der eine allgemeinverbindliche Ordnung
gegen jedermann durchsetzen soll. So entsteht der Leviathan, „that Mortall God to which
wee owe under the Immortall God, our peace and defence" (Hobbes [1651] 1985: 227).
Hobbes war neben Bodin der wichtigste Theoretiker der absoluten Monarchie. Er war
jedoch moderner als Bodin. Zum einen bezeichnete er den Staat als eine „künstliche Per-
son" und formulierte eine Theorie, nach der private und öffentliche Angelegenheiten der
Herrscher klar getrennt, die Person der Regierenden von der Institution Staat unterschieden
werden konnte. Zum anderen stützte er seine Herrschaftsbegründung auf eine naturrechtli-
che Grundlage und auf eine individualistische Argumentation. Die Existenz des Staates
rechtfertigte er mit der Vernunft der Menschen. Damit steht er an der Schwelle zum Zeital-
ter der Aufklärung, die sich im 18. Jahrhundert durchsetzte. Aufklärung bedeutete vor allem
die Kritik an transzendenten Begründungen bestehender Ordnungen, an der „traditionalen
Legitimität" von Herrschaft. Sie betonte die Fähigkeit aller Menschen, durch Gebrauch

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