26
Der moderne Staat
ihrer Vernunft ihr Schicksal grundsätzlich selbst bestimmen zu können. Immanuel Kants
(1724-1804) Forderung „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen" wurde
zum Wahlspruch der Aufklärung (Kant [1784] 1983: 53).
Reformbereite Monarchen wie Friedrich II. in Preußen oder Maria Theresia und Jo-
seph II. in Österreich-Ungarn griffen die Ideen der Aufklärung auf und beriefen sich nicht
mehr auf das Gottesgnadentum, sondern auf einen Gesellschafts- und Herrschaftsvertrag.
Staat und Herrscher wurden nicht mehr gleichgesetzt (wie bei Ludwig XIV., dem die For-
mulierung „L'Etat, c'est moi" zugeschrieben wird), sondern unterschieden. Der aufgeklärte
Fürst verstand sich als der „erste Diener des Staates" (so Friedrich II.), weshalb Kant das
Zeitalter der Aufklärung als „das Jahrhundert Friedrichs" bezeichnete (ebd.: 59). Der zwi-
schen 1740 und 1786 regierende preußische König galt nicht nur wegen seiner wissen-
schaftlichen und künstlerischen Aktivitäten, sondern auch wegen seiner Reformpolitik als
der Repräsentant des „aufgeklärten Absolutismus" schlechthin. Seine Rechte und Pflichten
als „Oberhaupt im Staat" waren im Allgemeinen Landrecht geregelt (Koselleck 2006: 290-
291). Der aufgeklärte Absolutismus blieb aber, wie am Beispiel Preußens belegt werden
kann, Absolutismus, und die Aufklärung bestand nur in der rationalen Begründung der
Herrschaft, welche übergeordneten Zwecken dienen sollte. Der Staat wurde als Mittel zu
ihrer Verwirklichung verstanden. Die kameralistische Staatswissenschaft sollte die Prinzi-
pien und Methoden der Gemeinwohlverwirklichung nach wissenschaftlichen Methoden
darstellen. Sie geriet aber in vielen Beiträgen zu einem Programmr eine hierarchische
Staatslenkung durch die Fürsten, deren Zwecke nicht zur Diskussion gestellt wurden. Auf-
geklärter Absolutismus bedeutete damit rationales Verwalten in einer hierarchischen Ord-
nung (Stollberg-Rilinger 1986: 101-135).
Das eigentliche Ziel der Aufklärung bestand jedoch darin, die unbeschränkte Herr-
schaft des Monarchen zu überwinden und die Souveränität vom Willen des Staatsvolkes
abzuleiten. Die Theoretiker des „liberalen Verfassungsstaates", des auf Freiheit und Selbst-
bestimmung der aufgeklärten Bürger beruhenden Staates, leiteten ihr Staatsmodell daher
aus der Idee des Gesellschaftsvertrages ab. In ihren modellhaften Ausführungen dieses
Staatstyps unterschieden sich die einzelnen Theorien (vgl. 1.3 [b]). Dabei sind bemerkens-
werte Zusammenhänge von Ideengeschichte und realer Geschichte des Staates festzustel-
len, wie am Beispiel der wichtigsten Vertreter dieser Theorie erkennbar wird: Der Englän-
der John Locke (1632-1704) nimmt in seinen „Two Treatises on Government" viele Ele-
mente auf, die in der historisch gewachsenen englischen Verfassung bereits verwirklicht
worden waren. Die deutsche Naturrechtslehre versuchte die Vertragstheorie in eine Be-
gründung des aufgeklärten Absolutismus umzudeuten, der im 18. Jahrhundert in den deut-
schen Fürstentümern seine Hochzeit erlebte. Immanuel Kant entwarf am Ende dieses Jahr-
hunderts eine liberale Staatstheorie auf der Basis des Vertragsgedankens, hoffte aber auf
deren Verwirklichung durch Reformen unter der Führung aufgeklärter Fürsten, die im spä-
ten 18. und im 19. Jahrhundert schließlich in den deutschen Ländern schrittweise durchge-
führt wurden; Jean Jacques Rousseau (1712-1778), der in seinem Denken radikaler war als
Locke und Kant, wurde in Frankreich zum Vordenker der Revolution, weil er die Volks-
souveränitätr absolut erklärte und jegliche Gedanken an eine Beschränkung der gesetz-
gebenden Gewalt des Volkes ablehnte.
Im Unterschied zur Vertragstheorie Hobbes', nach der ein Gesellschaftsvertrag den
Zustand eines Bürgerkrieges überwinden sollte, spiegelt sich in den Konzeptionen Lockes,
Kants und Rousseaus das Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaft wider. Das Bürgertum
entstand in den freien Städten des späten Mittelalters, in denen Gewerbetreibende und
Kaufleute zu einem eigenen Stand wurden. Durch die Ausweitung des Handels und mit der
aufkommenden Industrie gewannen die Bürger wirtschaftliche Macht. Die auf die Erträge

Get Der moderne Staat, 2nd Edition now with O’Reilly online learning.

O’Reilly members experience live online training, plus books, videos, and digital content from 200+ publishers.