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Der moderne Staat
tiation of party and partisanship in contradistinction to the unifying and all-
incorporating concept of the state" (Nettl 1968: 575).
Der Staat Bundesrepublik Deutschland beruht auf einer stabilen parlamentarischen
Demokratie mit anerkannten Parteien. Und in vielen staatstheoretischen Beiträgen sind die
überkommenen Idealisierangen des Staates zu einer unpolitischen Einheit überwunden. Das
Spannungsverhältnis zwischen konfliktvermeidender Verhandlungspraxis und Konsensfin-
dung auf der einen Seite und dem Verfahren der Konkurrenz zwischen Parteien um die
Parlamentsmehrheit und Regierungsmacht auf der anderen Seite blieb aber erhalten. Ebenso
erhalten blieb die Neigung, politische Konflikte in Rechtskonflikte umzudeuten und sie auf
diese Weise zu entpolitisieren. Lange Zeit wurde auch die Verwaltung als neutrale Instituti-
on des Gesetzesvollzugs verstanden und den Beamten als Repräsentanten des Staates und
damit des Gemeinwohls eine besondere Legitimität zugesprochen. Auswirkungen der deut-
schen Staatsentwicklung haben sich also trotz der einschneidenden Umbrüche bis in die
Gegenwart erhalten.
So unterschiedlich die Entwicklungen in Frankreich und Deutschland verliefen, so
ähnlich ist das jeweilige Staatsverständnis in den beiden Ländern. Genauso wie in Deutsch-
land setzte sich in Frankreich der Begriff des Staates als einer Institution, eines die einzel-
nen Regierungsgewalten umgreifenden normativen Rahmens, als eines Sachwalters des
Gesamtinteresses durch. In beiden Ländern wird dem Staat eine eigene Legitimität zuge-
schrieben, weil er über den partikularen Gruppen der Gesellschaft steht. Der Staat gilt in
beiden Ländern als Gestalter und Förderer gesellschaftlicher Entwicklungen, wobei die
Steuerung durch Recht eine zentrale Rolle spielt. Identisch ist auch die Bedeutung der Ver-
waltung sowohlr die staatliche Entwicklung als auchr die Durchsetzung des Gemein-
wohls: Die französische Beamtenschaft gilt ebenso als von der Politik unabhängig wie die
deutschen Berufsbeamten.
Der entscheidende Unterschied zwischen dem deutschen und dem französischen
Staatsverständnis liegt in der Verbindung zur Demokratie. Die Gründung des deutschen
Nationalstaates im 19. Jahrhundert beruhte nicht auf einer bürgerlichen Revolution, sondern
auf einem Kompromiss zwischen Obrigkeitsstaaten der deutschen Länder. Damit kam es
nicht zur Durchsetzung der Volkssouveränität, vielmehr blieb im deutschen Staatsverständ-
nis der Staat Träger der Souveränität. Dieser Staat war im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter
der bürgerlichen Gesellschaft, mehr Verwaltungsstaat als Verfassungsstaat. Mit der Verfas-
sung des Deutschen Reiches von 1871 wurde kein Einheitsstaat und schon gar kein parla-
mentarisches Regierungssystem verwirklicht, sondern ein Verhandlungssystem zwischen
Exekutiven unter der Hegemonie Preußens. Die bürgerliche Gesellschaft, die in Frankreich
als politische Nation zur Grundlage des Staates wurde und diesen zu ihrem Instrument
machte, blieb in Deutschland eine vom Staat getrennte Sphäre (Grimm 1987: 69-70). Die
individuellen Interessen der Bürger wurden durch die Verfassung und die Rechtsstaatlich-
keit geschützt, deren Verwirklichung den Vorrang vor der Demokratisierung erhielt. Diese
Tradition ist inzwischen gebrochen, wirkt aber immer noch nach. Sie zeigt sich in der Zäh-
mung der parlamentarischen Demokratie durch einen kooperativen Föderalismus mit unita-
rischer Ausrichtung, in einer der Gesetzgebung übergeordneten Verfassungsgerichtsbarkeit,
einer ausgeprägten Verrechtlichung der Staatstätigkeit und der Dominanz von Juristen im
öffentlichen Dienst.
In Frankreich dagegen blieb der Staat bis zum Ende des 20. Jahrhunderts als unterteil-
bare Republik bestehen, und er wurde zur Modernisierungsinstanz der Nachkriegsgesell-
schaft. Er organisierte industrielle Großprojekte wie regionale Wirtschaftsentwicklungen.
Der Idee des souveränen Einheitsstaates stand aber die Praxis einer durch regionale und

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