Zum Begriff des Staates
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fektives Regieren ist die Übertragung von Herrschaft auf ein Individuum („Monarchie"),
auf eine Gruppe von geeigneten Personen („Aristokratie") oder die Entscheidung durch alle
oder viele („Demokratie"). Da die Träger von Herrschaft aber wie alle Menschen ihre eige-
nen Interessen verfolgen können, besteht die Gefahr, dass die gemeinsamen Interessen nicht
verwirklicht werden, sei es in der Diktatur eines Einzelnen (Tyrannei), der Cliquenherr-
schaft einer Gruppe (Oligarchie) oder der Tyrannei der Mehrheit des Volkes (in der Antike
fürchtete man die Herrschaft des „Pöbels" bzw. der Armen). Damit war ein Dilemma er-
kannt, das im Zentrum der Theorieentwicklung stand. Polybios entwickelte daraus seine
Lehre vom ständigen Kreislauf der Verfassungen, in dem sich gute und schlechte abwech-
seln.r Cicero war dies ein wichtiger Ausgangspunkt, nach praktischen Lösungenr eine
Herrschaft zu suchen, die dem Menschen und nicht den Mächtigen dient und die den Staat
zu einer „Rechtsgemeinschaft der Bürger" macht (Cicero [ca. 63 v. Chr.] 1993: 67). Dabei
entwickelte er die schon bei Aristoteles zu findende Idee weiter, dass eine Mischung aus
Monarchie, Aristokratie und Demokratie das Umschlagen in die Tyrannis, die Oligarchie
oder die Herrschaft des Pöbels verhindern könne.
Diese Aussagen über Verfassungsformen, den Kreislauf von guten und schlechten
Formen und die Mischverfassung blieben auch nach dem Zusammenbruch des Römischen
Reiches einflussreich. Sie gewannen allerdings erst wirkliche Bedeutung, nachdem in Eu-
ropa im 12. Jahrhundert die Schriften des Aristoteles wiederentdeckt worden waren, wobei
r die weitere Verbreitung der Theorie der Staatsformen vor allem die politische Philoso-
phie von Thomas von Aquin (um 1225-1274) verantwortlich war. Piatons Staatsideen wirk-
ten dagegen in den Utopien der Renaissance (Thomas Morus, Thomasio de Campanella)
fort.
Die Frage nach der richtigen Form der Herrschaft wurde in der griechischen und-
mischen Antike mit der sozialen Natur des Menschen sowie der daraus folgenden Notwen-
digkeit, das Zusammenleben der Menschen zu ordnen, begründet. Nachdem das Christen-
tum in Europa zur vorherrschenden Religion aufgestiegen war, wurden normative Ord-
nungsvorstellungen nicht mehr aus Erfahrungstatsachen, sondern aus dem christlichen
Glauben abgeleitet. Bis zur Reformation war dabei die Lehre von den zwei Reichen des
Aurelius Augustinus (354-430) prägend. Das weltliche Reich des Staates galt als unvoll-
kommene Gemeinschaft der sündigen Menschen. Gleichwohl wurde es als von Gott gege-
ben betrachtet. Deshalb wurde von den Untertanen verlangt, dass sie auch einem ungerech-
ten Herrscher gehorchten. Der wahre (d.h. der ideale) Staat diene aber dem Frieden und der
Gerechtigkeit, erfülle also einen sittlich-religiösen Auftrag. Schon im 14. Jahrhundert
wandten sich Denker wie etwa Marsilius von Padua (um 1275-1342) oder William von
Ockham (ca. 1280-1349) gegen diese Ideen und vertraten die Auffassung, dass die weltli-
che Herrschaftsgewalt dem Volk dienen müsse, sie vom Volk durch Wahl auf den Herr-
scher übertragen werden und dieser zugleich an Gesetze gebunden sein müsse. Sie formu-
lierten diese Gedanken noch gegen die vorherrschende Auffassung, der staatliche Herrscher
sei durch Gott eingesetzt und damit dem Papst unterworfen. In der Neuzeit, also mit der
Konstituierung des frühmodernen Staates, löste sich die Dominanz der Legitimation von
Herrschaft aus dem Glauben auf, der als eigenständige Institution verstandene „säkularisier-
te" Staat bedurfte einer eigenen Rechtfertigung.
Das zeigte sich darin, dass nun die Lehre von den richtigen Staatsformen stärker die
Realität der gesellschaftlichen Entwicklung und der politischen Machtverhältnisse reflek-
tierte (Riklin 2005). Wichtige Beiträge entstanden zunächst von Theoretikern, die sich mit
der Krise der oberitalienischen Stadtrepubliken auseinandersetzten. Unter ihnen wird Nic-
colo Machiavelli (1469-1527) als Vorbereiter der modernen politischen Theorie genannt.
Diese Charakterisierung bezieht sich auf seine Empfehlungenr strategisches Handeln des

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