66
Der moderne Staat
andererseits auf die Notwendigkeit - und zwar, in gewissem Sinne, auf die glei-
che Notwendigkeit - aller einzelnen, noch so untergeordneten Funktionen (und
aller Menschen, die diese Funktionen ausüben, wie es sich jeweils gehört). Der-
art ergibt sich ganz zwanglos, wie schon bei Plato, eine sehr einleuchtende Idee
von sozialer Gerechtigkeit: Gerecht ist, daß jeder tut und erhält, was ihm, an
seinem Ort und in seiner Funktion, zukommt" (Weiss 1998: 62).
Die Wurzeln dieser Theorie liegen in Ganzheits- und Harmonievorstellungen der Ro-
mantik (Kimminich 1983: 319). Auf dieser Grundlage leiteten ihre Vertreter aus Hegels
Vorstellung einer dialektischen Einheit zwischen den differenten Bereichen von Staat und
Gesellschaft die Idee ab, wonach Staat und Gesellschaft einen „Körper" bilden, dessen Tei-
le als eine untrennbare Einheit zusammenwirken. Während die englische Staatsphilosophie
mit dem Begriff Körperschaft („body") nur die Organisation des Staates meinte, werden in
den deutschen und französischen Organismustheorien Staat und Gesellschaft als zu einer
Körperschaft vereinigt vorgestellt. Der Staat wird gleichsam als zur Persönlichkeit gewor-
dene Gemeinschaft der Menschen begriffen. „Das Land ist der Körper des Staats, das leib-
liche Gebiet seines Daseins.... Das Element des physischen Lebens [...] ist das Volk.... Aus
diesen Factoren erhebt sich nun die Persönlichkeit der durch sie gegebenen Gemeinschaft,
der Staat" (von Stein 1887: 13).
Damit entsprang der idealistischen Theorie des Staates ein Staatsbegriff, in dem so-
wohl die Geschichte der Staatsformen und der Mischverfassung als auch die aus den Ver-
tragstheorien gewonnenen Vorstellungen eines liberalen Verfassungsstaates in den Hinter-
grund gerückt wurden. Dabei ging es Hegel nur darum, die Problematik der Vertragstheo-
rie, nämlich Herrschaft unter der Bedingung möglichst großer Freiheit der Bürger zu kon-
struieren, in anderer Weise zu lösen, weil er schon in der Realität der freien Gesellschaft
Strukturen der Ungleichheit und der Herrschaft erkannte. Karl Marx griff diese Erkenntnis
auf und sah die Gesellschaft nicht als Bereich, in dem Individuen ihre Interessen verwirkli-
chen können, sondern als Machtverhältnis zwischen Klassen. Bevor ich hierauf näher ein-
gehe und damit die bei Hegel angelegte gesellschaftstheoretische Erklärung des Staates
erläutere, will ich die anderen beiden Theorielinien weiter verfolgen, nämlich die Begrün-
dung des Staates aus einer individualistischen Theorie, die von den Vertragstheoretikern
begründet wurde, und das Verständnis des Staates als autonome Rechtsordnung, die man
aus Hegels Rechts- und Staatstheorie herausgelesen hat. Die erste Linie setzte sich in der
Wirtschaftswissenschaft fort, die zweite in der Staatslehre der deutschen Rechtswissen-
schaft.
(d) Staat und Markt - wirtschaftswissenschaftliche Staatstheorien
Das vertragstheoretische Programm der Staatstheorie beruht auf einer individualisti-
schen Sicht auf die Gesellschaft. Darin liegt sein normativer Gehalt. Die methodologische
Annahme des Individualismus gilt generell in der Wirtschaftswissenschaft, und deshalb ist
es kein Zufall, dass es Ökonomen waren, die die Vertragstheorie weiterentwickelten. Dar-
über hinaus werden die spezifischen Methoden und Theorien dieser Fachdisziplin auf die
Analyse der Politik angewandt. Die ökonomische Analyse des Staates wurde gefordert
durch die Ausbildung einer ökonomischen Theorie der Politik, andererseits aber auch da-
durch, dass im modernen Wohlfahrtsstaat neben dem Recht das Geld zum wichtigsten
Steuerungsinstrument und zu einer entscheidenden Handlungsbedingung des Staates wurde.
Die Finanzwissenschaft als deqenige Zweig der Ökonomik, der sich mit der Beschaffung
und der Verwendung von Geld im staatlichen Sektor befasst, ist allerdings genauso auf
einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit des Staates beschränkt wie die im folgenden

Get Der moderne Staat, 2nd Edition now with O’Reilly online learning.

O’Reilly members experience live online training, plus books, videos, and digital content from 200+ publishers.