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Geld, Kredit und Währung by Johannes Laser

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106 Geld, Kredit, Währung
Abb. 47: Ziel-Mittel Beziehungen einer Notenbank
9.1.4 Die potenzialorientierte Geldmengensteuerung der EZB
Die Strategie der EZB zur Realisierung der der Preisniveaustabilität basiert auf 2
Säulen.
(1) Zum einen spielt die Steuerung des Geldmengenwachstums auf Zwischen-
zielebene zur Bekämpfung der Inflation im Euroland eine entscheidende
Rolle.
(2) Da jedoch geldpolitische Maßnahmen nur mit relativ großer zeitlicher Ver-
zögerung auf das Preisniveau wirken, muss die Preisentwicklung voraus-
schauend beurteilt werden. Zu dieser ex-ante Analyse wird deshalb von der
EZB über die Beobachtung der Geldmengenaggregate hinaus eine Vielzahl
zusätzlicher Indikatoren verwendet. Hierzu zählen eine breite Palette kurz-
fristiger Konjunkturindikatoren. Zu unterscheiden sind in diesem Zusam-
menhang exogene Faktoren, die eher einmalige Auswirkungen auf das
Preisniveau haben (z. B. Veränderungen der Rohölpreise bzw. der Mehr-
wertsteuersätze), von Maßgrößen, die eine Einschätzung der Grunddyna-
mik der Binnenwirtschaft ermöglichen (Einschätzung des Konsum- und In-
Zinsba-
sissteu-
erung
oder
Geldba-
sissteu-
erung
Geld-
menge
M
3
oder
Kapital-
talmarkt
markt-
zins
Preisni-
veaustabi-
lität bei 2
% Inflati-
onsrate
oder Be-
schäfti-
gungsziel
Opera-
tive
Ebene
Zwi-
schen-
ziel-
Hauptziel-
ebene
9 Alternative Notenbankstrategien 107
vestitionsklimas, Arbeitslosenquote, Lohnstückkosten, Beschäftigungs-
wachstum, Auslastung des Produktionspotenzials). Außerdem werden In-
formationen aus Finanzmarktindikatoren und Daten aus Umfragen zu Infla-
tionserwartungen gewonnen.
24
Abb. 48: 2-Säulen Strategie der EZB
Die Steuerung des Geldmengenwachstums zur Begrenzung der Inflationsrisiken
wurde als erste Notenbank von der Deutschen Bundesbank vorgenommen. Aus
der Einsicht heraus, dass eine Stabilisierung der Konjunktur mit Hilfe ihres Instru-
mentariums nur eingeschränkt möglich ist, vollzog sich 1974 ein Paradigmen-
wechsel in der geldpolitischen Strategie der Bundesbank. Sie beschränkt sich –
___________________
24
Vgl. im Detail EZB (Hrsg.): Die Rolle kurzfristiger Konjunkturindikatoren bei der Analyse der
Preisentwicklung im Euro-Währungsgebiet, in: Monatsbericht der EZB, April 1999, S. 31ff.
Zinsba-
sissteu-
erung
über die
Festle-
gung
des Leit-
zinses
Geld-
menge
M
3
Preisni-
veaustabi-
lität bei 2
% Inflati-
onsrate
Opera-
tive
Ebene
Zwischen
schen-
ziel-
Hauptziel-
ebene
Zweite
Säule
Vorausschauen-
de Beurteilung
der Preisent-
wicklung durch
eine Vielzahl
von Indikatoren
Erste
Säule
108 Geld, Kredit, Währung
analog der aktuellen Vorgehensweise der EZB – seitdem primär auf die Sicherung
der Preisniveaustabilität. Dieses Hauptziel (siehe Abb. 39) versuch(t)en die EZB
und früher die Bundesbank zu realisieren, indem sie ein Zwischenziel steuer(t)en,
das
schnell auf Änderungen ihrer geldpolitischen Aktionsparameter (Zins- und Li-
quiditätsimpulse) reagiert und
in einem vorhersehbaren Zusammenhang zum Hauptziel, der Preisniveaustabi-
lität steht.
Aufgrund von ökonometrischen Studien kommt für die EZB als Steuerungsgröße
nur M
3
in Betracht. Hier besteht in der Regel
25
ein empirisch enger Zusammen-
hang zwischen der Geldmengen- und Preisentwicklung, wobei Veränderungen der
Geldmenge gegenüber dem Ausgabenwachstum (gemessen an der Steigerung des
nominellen Bruttoinlandprodukts) und erst recht gegenüber der Preisentwicklung
einen gewissen zeitlichen Vorlauf haben.
Theoretische Basis dieser Geldmengensteuerung ist die neoklassische Quantitäts-
theorie des Geldes. Zentraler Ausgangspunkt dieser Theorie ist die nach dem US-
amerikanischen Ökonomen Irving Fisher benannte Fishersche Verkehrsgleichung:
(1) MV = Y
r
P, wobei
M = Geldmenge (z. B. M
3, erweitert
),
V = Umlaufgeschwindigkeit (velocity) des Geldes
und
ungsdauerKassenhalt :k ;
k
1
V
;
Y
r
: reales BIP und
P: Preisniveau sind.
Wird anstelle der Umlaufgeschwindigkeit V die Kassenhaltungsdauer k verwendet,
ergibt sich durch Äquivalenzumformung und Auflösung nach M:
(2) M = kY
r
P.
___________________
25
Dieser Zusammenhang besteht nicht bei einer inversen Zinsstruktur (siehe Kritik an der
Geldmengensteuerung der Deutschen Bundesbank).
9 Alternative Notenbankstrategien 109
In Wachstumsraten ausgedrückt bzw. logarithmiert
26
erhalten wir z. B. für das
Wachstum von M
3
(aber auch für jedes weitere Geldmengenaggregat):
(3) log M
3
= log Y
r
+ log k + log P.
Um monetäre Inflationsursachen zu vermeiden, legt deshalb die Europäische Zen-
tralbank wie die Deutsche Bundesbank in den Jahren 1973 – 1998 im Vorfeld ei-
nes jeden Jahres anhand der Gleichung (3) einen Referenzwert für das Geldmen-
genziel fest. Dabei soll das Wachstum der Geldmenge M
3
in dem jeweiligen Jahr
die Summe der Steigerungsraten der drei Teilgrößen auf der rechten Seite der
Gleichung nicht übersteigen. Die Preissteigerung (log P) stellt dabei eine normati-
ve Komponente bzw. das Inflationsziel der EZB
27
dar: Wäre das Wachstum der
Geldmenge um diesen Betrag (Prozentsatz) geringer, so könnte dadurch das
Wirtschaftswachstum durch eine zu restriktive Geldmengenpolitik abgebremst
werden. So lässt man Unternehmen mit einer guten Auftragslage die Möglichkeit,
neben der Ausweitung des Produktionsvolumens auch geringfügig die Preise an-
zuheben. Selbstverständlich hängt die Effizienz der Strategie von der Verlässlich-
keit (= Validität) der Prognosewerte ab. Trotzdem unternimmt der Verfasser – oh-
ne Rückgriff auf die Voraussagen namhafter Wirtschaftsforschungsinstitute – zur
Illustration der Geldmengenstrategie der EZB den Versuch, einen Referenzwert für
2013 festzulegen.
___________________
26
M. log
M
dM
0
27
Die EZB orientiert sich an einem Inflationsziel von 2 % (Anmerkung des Verfassers). Zur Bes-
timmung der Inflationsrate wird im €-Raum das Konzept des Eurostat in Luxemburg herange-
zogen, das nach dem sog. mittelfristigen Anstieg des Harmonisierten Verbraucherpreisindex
(HVPI) eine Berechnung der Inflation vornimmt.

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