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Geld, Kredit und Währung by Johannes Laser

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134 Geld, Kredit, Währung
Setzen wir die Werte unter den o. a. Annahmen in die Taylor-Formel ein, so ergibt
sich für den Taylor-Zins:

% 0,85 % 2,5 % 3,5 -0,5 % 2 % 0,50,5 % 2 % 2,6 r
Taylor
.
Da der berechnete Taylor-Zins unter dem aktuellen Leitzins von 1,25 % lag, deute-
te dies im April 2009 auf eine (weitere) Zinssenkung der Europäischen Zentralbank
hin.
9.4.2 Kritik an der Taylor-Regel
Gegen eine Anwendung der Taylor-Regel als alleinige geldpolitische Handlungs-
maxime sprechen einige rechnerische und konzeptionelle Probleme, die im Fol-
genden aufgelistet sind:
Die Anwendung der Taylor-Regel verlangt zumindest eine grobe Abschätzung
des Produktionspotenzials (Y
potenzial
). Das Produktionspotenzial beschreibt jene
maximale Produktion, die ohne den Aufbau eines zusätzlichen Inflationsdrucks
produziert werden kann und stellt somit die Angebotsmöglichkeiten einer
Volkswirtschaft dar
34
. Die gesamtwirtschaftlichen Produktionsmöglichkeiten
sind sowohl von der quantitativen als auch qualitativen Ausstattung der Pro-
duktionsfaktoren (Arbeit, Kapital, natürliche Ressourcen) als auch von der Pro-
duktivitätsentwicklung abhängig. Da das Produktionspotenzial keine empirisch
feststellbare Größe ist, muss es mit Hilfe von statistischen oder strukturellen
Methoden geschätzt werden. Solche Schätzungen basieren meist auf der
Trendextrapolation von Daten. Schwierigkeiten ergeben sich insbesondere aus
den Annahmen, die Auswirkungen von technologischen Entwicklungen und
strukturellen Reformen abzuschätzen, sodass die Bestimmung des Produkti-
onspotenzials einem hohen Ungewissheitsspielraum unterliegt. Schätzung des
Produktionspotenzials des €-Raumes divergieren je nach Berechnungsmetho-
de stark, die meisten Schätzungen bewegen sich bei der Berechnung der Po-
tenzialrate zwischen 2 und 3 %. Unterschiede in der Festlegung auf einen be-
stimmten Wert schlagen sich jedoch auch auf das Niveau des Taylor-Zinses
nieder.
___________________
34
Die Steigerung des Produktionspotenzials wird als Potenzialrate bezeichnet.
9 Alternative Notenbankstrategien 135
Problematisch ist ebenfalls die Bestimmung des gleichgewichtigen, realen
Geldmarktzinses r*. Er wird in der Regel als langjähriger Durchschnitt aus der
Differenz zwischen tatsächlichem nominalen Zins und der jeweiligen Inflations-
rate bestimmt und hängt somit in entscheidendem Maß von dem zur Durch-
schnittsbildung herangezogenen Zeitraum ab. Ebenfalls ist die Annahme einer
langjährigen Konstanz von r* problematisch, da zu den Determinanten (= Be-
stimmungsgrößen) z. B. die erwartete Ertragslage auf Sachanlagen, die gene-
relle Sparneigung sowie die allgemeine Einschätzung der Unsicherheit in der
Volkswirtschaft und die Glaubwürdigkeit der geldpolitischen Entscheidungs-
träger (= Notenbank) eine Rolle spielen. Der Taylor-Zins lässt solche Faktoren
unberücksichtigt.
Insgesamt spricht deshalb gegen die (ausschließliche) Anwendung der Taylor-
Regel, dass sie zu wenig einem vorausschauenden Verhalten (= antizipativem
Verhalten) der Wirtschaftsteilnehmer Rechnung trägt. Eine geldpolitische Ent-
scheidung auf der Basis dieser Regel würde deshalb systematisch zu spät erfol-
gen.
Zum Teil liefert die Anwendung der Taylor-Regel auch falsche Signale an die
Geldpolitik. Speziell bei einmaligen Ereignissen, wie zum Beispiel einer Erhö-
hung der MwSt, signalisiert die Anwendung der Taylor-Regel automatisch
geldpolitischen Handlungsbedarf, während selbst im Kreis der Deutschen Bun-
desbank Konsens darüber besteht, solche Erstrundeneffekte hinzunehmen.
Anstelle der gemessenen Inflationsrate müsste deshalb eine Kerninflation zu-
grunde gelegt werden, die solche transitorischen (= vorübergehenden) Impulse
herausrechnet.
Selbstverständlich unterliegt auch die Gewichtung der Gefahren aus einer In-
flations- und Outputlücke durch α und β einer subjektiven Komponente, die
das Niveau des Taylor-Zinses beeinflusst.

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