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Geld, Kredit und Währung by Johannes Laser

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146 Geld, Kredit, Währung
die Preisniveaustabilität nehmen. Wird der Zielwert für die die Inflation um mehr
als einen Prozentpunkt über- oder unterschritten, muss der Gouverneur der Bank
of England in einem offenen Brief an den Schatzkanzler die Gründe dafür erläu-
tern und die beabsichtigten Gegenmaßnahmen darlegen.
Die Hauptunterscheidungsmerkmale gegenüber der EZB-Strategie sind das feh-
lende monetäre Zwischenziel und die Veröffentlichung der Inflationsprognose, die
von der Europäischen Zentralbank (bewusst) nicht vorgenommen wird. Dazu be-
nutzt die britische Notenbank ein breites Spektrum unterschiedlicher Indikatoren,
während die EZB die Geldmenge M
3
als zentrale Steuerungsgröße für die mittel-
bis langfristige Preisentwicklung benutzt. Das Eurosystem muss gerade in den An-
fangsjahren der Europäischen Währungsunion in einem Umfeld arbeiten, das
durch große Unsicherheiten geprägt ist. Das gilt für die Verhaltensweisen der
Wirtschaftsakteure ebenso wie für die institutionellen Strukturen bis hin zur Sta-
tistik. All dies erschwert die Erstellung zuverlässiger Inflationsprognosen, sodass
deren Publikation gar zu Fehlschlüssen verleiten könnte. Allerdings arbeitet
selbstverständlich auch die Bank of England mit einem nominellen Anker (= Geld-
menge), der allerdings nicht explizit veröffentlicht wird.
9.7 Notenbankstrategie der Fed
Die US-Amerikanische Notenbank, auch als Federal Reserve System bzw. Federal
Reserve oder Fed bezeichnet, verfolgte bis Anfang der 90er Jahre des letzten
Jahrhunderts analog der Deutschen Bundesbank eine Geldmengenstrategie. Die
Handlungsfähigkeit dieser Zentralbank hing maßgeblich bei dieser Vorgehenswei-
se davon ab, inwieweit sie in der Lage war, verlässig die Reaktion der Geldnach-
frage auf Zins- und Einkommensänderungen abschätzen zu können.
Bis Ende der 80er Jahre nahm mit sinkendem Zins über den Rückgang der Umlauf-
geschwindigkeit des Geldes (Anstieg der Kassenhaltungsdauer k) die Geldnachfra-
ge zu, da die Opportunitätskosten der Geldhaltung mit sinkendem Zins ebenfalls
rückläufig waren. Ein Anstieg der Geldnachfrage bedingte somit auch das Erfor-
dernis, das Geldangebot auszuweiten.
Bis zu diesem Zeitpunkt war die Fed mit M
2
als Steuerungsgröße für das Geldan-
gebot handlungsfähig. Anfang der 90er Jahre vollzog sich aber in den Vereinigten
Staaten auf dem Kapitalmarkt ein nicht prognostizierbarer Disintermediationspro-
zess: Die amerikanische Wirtschaft finanzierte zunehmend ihre Investitionen über
die Platzierung von Anleihen und Aktien direkt über den Finanzmarkt ohne den
9 Alternative Notenbankstrategien 147
Bankensektor zu involvieren. Diese Entwicklung führte dazu, dass trotz sinkender
Zinsen und damit rückläufiger Opportunitätskosten der Geldhaltung, auch die
Nachfrage nach Geld zurückging. Statistisch macht sich dies durch einen Anstieg
der Umlaufgeschwindigkeit bemerkbar. In dieser Situation verursachte die Fed
über eine Ausweitung von M
2
eine Geldmengen induzierte Inflation. Schematisch
ist o. a. Zusammenhang noch einmal in der nächsten Tabelle zusammen gefasst.
148 Geld, Kredit, Währung
Tab.5: Preisgabe der Geldmengensteuerung durch die Fed
Normale Reaktion:
r↓→L: Geldnachfrage M
2
=kY
r
P
Sinkt der Zins Anstieg der Geldnachfrage (= Anstieg der Spekulati-
onskasse = sinkende Umlaufgeschwindigkeit) Notwendigkeit, das
Geldangebot M
2
zu erhöhen, um ausreichende Liquidität zur Verfü-
gung zu stellen.
Normale Reaktion:
r↑→L↓→M
2
=kY
r
P
Steigt der Zins Rückgang der Geldnachfrage (= Rückgang der Spe-
kulationskasse = höhere Umlaufgeschwindigkeit) Notwendigkeit,
das Geldangebot M
2
zu verknappen, weil durch den Anstieg der Um-
laufgeschwindigkeit weniger Kaufkraft relevante Liquidität notwendig
ist.
Anomalie:
r
L M
2
> L= kY
r
P Geldmengen induzierte Inflation
Sinkender Zins hätte zum Anstieg der Geldnachfrage (= Anstieg der
Spekulationskasse = sinkende Umlaufgeschwindigkeit) führen müssen
Aber die Geldnachfrage der Unternehmen (Nichtbanken) sank, weil
sie zunehmend ihren Finanzierungsbedarf nicht über die Geschäfts-
banken sondern über die Platzierung von Anleihen und durch Beteili-
gungskapital (Aktien) finanzierten.
Dadurch war zu viel Geld im Umlauf, sodass dies zu einer Gefahr für
die Preisniveaustabilität ( = Anstieg der Inflationsrate) führte.
Nach der Preisgabe der Geldmengensteuerung strebt die US-Notenbank direkt
ihre Ziele an. Nach dem Federal Reserve Act zählen dazu die Gewährleistung:
maximaler Beschäftigung,
stabiler Preise sowie
langfristig moderater Zinsen.
9 Alternative Notenbankstrategien 149
Dabei gibt nach herrschender Meinung die Reihenfolge der Zielnennung auch de-
ren Zielhierarchie wieder, sodass die Realisierung einer niedrigen Arbeitslosen-
quote Vorrang gegenüber stabilen Preisen besitzt.
Steigt zum Beispiel die Inflationsrate in Amerika an und schwächt sich gleichzeitig
das Wirtschaftswachstum ab, so zeigt sich das Dilemma dieser Zielorientierung:
Die Fed müsste zur Sicherung der Preisniveaustabilität die Leitzinsen anheben,
während die Wachstumsschwäche genau das Gegenteil verlangt.
Aufgrund der Inkonsistenz des Zielkataloges und der starken Öffnung gegenüber
diskretionären politischen Forderungen wird die Strategie der Fed von Kritikern
auch als Muddling Through (engl. Für Durchwursteln (Umgangssprache)) bezeich-
net.

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