2.2 Wegweiser der Geschichte 21
Ein Paradigmenwechsel hat zur Folge, dass die Lehrbücher verworfen werden, in denen
das alte Paradigma Gestalt gewonnen hatte. Nach einer siegreichen Revolution wird die
Geschichte der Disziplin neu geschrieben. Hierbei taucht zwangsläufig die Vorstellung
auf, dass Macht Recht schaffe. Kuhn verneint dies jedoch, da die Vollmacht, zwischen
Paradigmen zu wählen, einer besonderen Gemeinschaft, nämlich der scientific community
übertragen ist.
Was das Fortschrittsproblem betrifft, so müssen wir „vielleicht die – ausdrückliche oder
unausdrückliche – Vorstellung aufgeben, daß der Wechsel der Paradigmata die Wissen-
schaftler … näher und näher an die Wahrheit heranführt.“ (S. 182). Nichts deute darauf hin,
dass die Entwicklung im Verständnis der Natur (Welt) eine Entwicklung „auf etwas hin“
beinhalte.
Zum Abschluss seiner wissenschaftsgeschichtlichen Betrachtungen stellt K
UHN eine Analo-
gie zwischen der Evolution von Organismen und der Evolution wissenschaftlicher Ideen her.
Die Lösung wissenschaftlicher Revolutionen erfolge durch Selektion – das Fortschreiten in
den (Natur-) Wissenschaften stelle sich als eine Folge revolutionärer Selektionen dar, die
sich mit Perioden normaler Forschung abwechseln. Die aufeinanderfolgenden Stadien dieses
Entwicklungsprozesses seien durch eine Steigerung von Artikulation und Spezialisierung im
Verstehen der Natur (Welt) gekennzeichnet.
2.2 Die Methodologie wissenschaftlicher
Forschungsprogramme als Wegweiser der
Geschichte
Die Betrachtung des wissenschaftlichen Fortschritts, wie sie bei KUHN zu finden ist, stieß aus
wissenschaftstheoretischer Sicht auf die Kritik von P
OPPER und dessen Anhängern. Das
Voranschreiten einer neuen, der alten widersprechenden Theorie wurde von ihnen als der
entscheidende Schritt „kritischer Rationalität“ gewertet, der sich ihrer Ansicht nach nicht mit
Begriffen wie „Bekehrung“ und „Gestaltwandel“ fassen lässt. Der Vorwurf des „Irrationa-
lismus“ ist denn auch der gegenüber K
UHN am häufigsten vorgebrachte Kritikpunkt. Der
weitreichendste und umfassendste Gegenentwurf stammt von L
AKATOS (1974a). In seinem
Beitrag „Die Geschichte der Wissenschaft und ihre rationalen Rekonstruktionen“ vergleicht
L
AKATOS seine „Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme“ mit konkurrie-
renden Methodologien, wie dem Induktivismus, Konventionalismus und (methodologi-
schem) Falsifikationismus, hinsichtlich ihrer wissenschaftsgeschichtlichen Brauchbarkeit. Er
geht dabei von einer Wechselwirkung zwischen Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsge-
schichte aus, die beide aneinander zu messen gestatte; der Wissenschaftshistoriker bedürfe
bei der Auswahl der zu ordnenden und in einen Zusammenhang zu bringenden historischen
Daten einer leitenden Wissenschaftsauffassung, während umgekehrt der Wissenschaftstheo-
retiker über markante wissenschaftliche Fortschritte einen Maßstab zur Beurteilung von
Methodologien abzugeben vermag. Da L
AKATOS in jeder Methodologie der Wissenschaft

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