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weshalb es vor dem 17. Jahrhundert kein systematisches ökonomisches Denken gab und
ökonomischen Überlegungen neben religiösen und philosophischen Betrachtungen keine
eigene Sphäre zuerkannt wurde. Soll aber deswegen auf die Beiträge von A
RISTOTELES oder
den Scholastikern zu theoriegeschichtlich interessanten Ideen bzw. Problemen der Ökonomie
verzichtet werden? Damit würde eine über Jahrhunderte gehende Zeitspanne ausgeblendet
werden – eine Epoche, deren wirtschaftstheoretische Betrachtungen zwar als ökonomische
Paläontologie (B
LAUG 1971, S. 15) bezeichnet wird, die aber andererseits unser wissen-
schaftliches Denken entscheidend geprägt hat. Begriffe wie Hypothese, Theorie, Methode,
Postulat und Axiom sind ohne die antike griechische Philosophie nicht vorstellbar.
Obwohl es vermessen wäre, den Anspruch einer umfassenden und tiefgehenden Analyse der
griechischen Philosophie zu erheben oder die historischen Hintergründe der scholastischen
Überlegungen zu Geld, Zins und Wucher voll auszuleuchten, sollen die in der Antike und im
Mittelalter zu identifizierenden ökonomischen Präideen herausgearbeitet werden.
Der Begriff Präidee oder Uridee geht auf F
LECK zurück (2006), der ihn in einer Monografie
aus dem Jahr 1935 verwendet. Damit bezeichnet er in großer zeitlicher Distanz entstandene
Ideen, die in den verschiedenen Denktraditionen weiterbestehen. Derartige Ideen, die häufig
mehr oder weniger unklar seien, gäbe es in den meisten Wissenschaften und zwar Jahre vor
einer exakten wissenschaftlichen Begründung. So sind z.B. viele Vorstellungen der moder-
nen Atomtheorie in den Thesen der antiken Philosophen vorgebildet. Die Bedeutung der
Präideen liege nicht in ihrem logischen oder sachlichen Inhalt, sondern in ihrem heuristi-
schen Gehalt als Entwicklungsanlage neuzeitlicher Theorien.
3.1 Ökonomische Präideen in der Antike und im
Mittelalter
Wo liegen die ersten Ursprünge ökonomischer Ideen? In Ägypten, im Alten China, in
Griechenland? Die meisten Dogmenhistoriker votieren für die Griechen. Auch wir halten
uns auf der Seite des abendländischen Denkens, vernachlässigen also mögliche Entwick-
lungen in der Geschichte des Orients.
Folgen wir BERTRAND RUSSELL, einem der bedeutendsten Philosophen und Mathematiker
des 20. Jahrhunderts, so ist die Entstehung der antiken griechischen Kultur, die innerhalb
weniger Jahrhunderte eine erstaunliche Fülle herausragender Werke in Kunst, Literatur,
Wissenschaft und Philosophie hervorbrachte, „eines der wunderbarsten Ereignisse in der
Geschichte“ (R
USSELL 1992, S. 20). Weder vorher noch nachher sei etwas Ähnliches zu
beobachten gewesen. Der zentrale Begriff der griechischen Philosophie sei der „Logos“, was
unter anderem „Rede“, „Wort“ und „Vernunft“ bedeute. Diskussion und wissenschaftliche
Tätigkeit sind somit eng miteinander verbunden. Am Anfang jeder Wissenschaft stehe das
Aufwerfen allgemeiner Fragen oder allgemeiner Probleme. Derartige Fragen hätten im wei-
testen Sinne den Zweck, in dem, was zunächst als Gewirr zufälliger Vorgänge erscheine,

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