144 4 Auf dem Weg zu neuen Paradigmen
In der Analogie zur biologischen Denkweise liegen auch die kritischen Einwände gegenüber
dieser Forschungsrichtung. Strittig ist, inwieweit biologische Metaphern auf die Erklärung
ökonomischen Verhaltens angewendet werden können. Der Wandel in ökonomischen Sys-
temen werde nicht durch Beliebigkeit gesteuert, sondern unterliege gewissen Beschränkun-
gen und spiele sich innerhalb gegebener Strukturen ab. Auch der Selektionsdruck könne in
verschiedenen ökonomischen Systemen zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedlich sein.
4.3.3 Spieltheorie
Bereits im 19. Jahrhundert untersuchten COURNOT und BERTRAND ökonomische Probleme
aus spieltheoretischer Sicht. Am einfachen Modell eines homogenen Duopols – ein Markt
auf dem zwei Unternehmen ein identisches Gut anbieten – weist Cournot nach, dass ein
Gleichgewicht dann existiert, wenn jedes Unternehmen die Produktionsmenge seines Kon-
kurrenten richtig einschätzt und seine eigene entsprechend wählt (Cournot-Gleichgewicht).
Im Unterschied zu C
OURNOT entscheiden die Unternehmen im BERTRAND-Modell über den
Preis.
Als Geburtsstunde der modernen Spieltheorie gilt das im Jahre 1944 veröffentlichte Werk
„Theorie of Games and Economic Behavior“ des Mathematikers JOHN VON NEUMANN und
des Ökonomen OSCAR MORGENSTERN. Die Bedeutung dieses Buches liegt nicht nur in
der spieltheoretischen Analyse, sondern vor allem in der Anwendung auf ökonomische
Probleme.
Die Spieltheorie erklärt Konfliktsituationen, in denen das Ergebnis für alle Teilnehmer des
Spiels von den Entscheidungen der Mitspieler abhängt. Um optimal entscheiden zu können,
muss der Spieler die Überlegungen der Anderen mit einbeziehen – ebenso wie die Tatsache,
dass der Gegenspieler dies ebenfalls tut. Neumann und Morgenstern unterstellen, dass alle
Spieler rational handeln.
Zunächst zu einigen Grundbegriffen: Als Spiel wird jede Situation interpretiert, in der Spie-
ler (Teilnehmer) strategische Entscheidungen treffen, welche die Handlungen und Reaktio-
nen der Mitspieler mit einbeziehen. Strategische Entscheidungen führen für die Teilnehmer
zu einem Ergebnis, das als Auszahlung bezeichnet wird. Diese drückt den Wert aus, der
einem möglichen Ergebnis beigemessen wird, beispielsweise die Höhe des erzielten Ge-
winns. Das Hauptziel der Spieltheorie liegt darin, für jeden Spieler die optimale Strategie zu
bestimmen, wobei eine Strategie aus Regeln und einem Aktionsplan besteht. Optimal ist eine
Strategie für den Spieler dann, wenn die erwartete Auszahlung maximiert wird.
In der Spieltheorie wird zwischen nicht-kooperativen und kooperativen Spielen unterschie-
den. Diese Unterscheidung geht auf den ungarisch-amerikanischen Wirtschaftswissenschaft-
ler J
OHN HARSANYI (1966) zurück, der zusammen mit JOHN NASH (1951) und REINHARD
SELTEN (1965) grundlegende Arbeiten zur Analyse des Gleichgewichts in nicht-kooperativen
Spielen veröffentlichte. Im Gegensatz zu einem nicht-kooperativen Spiel handeln die Teil-
nehmer in einem kooperativen Spiel bindende Absprachen oder Verträge aus, auf deren Ba-
sis sie gemeinsame Strategien entwickeln. So können zwei Unternehmen einen bindenden
Vertrag über eine gemeinsame Investition in eine neue Technologie aushandeln (wenn bei-

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