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2. Das Archivgut der Wirtschaft
bis in das Jahr 1903 zurück. Sie sind aus drei Gründen entstanden. Unmit-
telbar mit den Unternehmen hängen Aufzeichnungen zusammen, die zu
Werbezwecken und zur Tondokumentation besonderer Ereignisse (in Ei-
genregie oder als Mitschnitte aus dem Rundfunk) entstanden. In ihren An-
fängen bediente sich die Oral History des Tonbandes bei der Befragung
von Mitarbeitern. Seit dem Aufkommen des Videofilms geht die Verwen-
dung von Tonträgern im Unternehmen zurück.
Die sachgerechte Lagerung und Nutzung von Tonträgern im Archiv er-
fordert besondere Vorkehrungen. Das Ausgangsmaterial (Walze, Platte
oder Band) muß auf ein Mutterband überspielt und dieses wiederum auf
eine eigens hergestellte Benutzerkassette übertragen werden. Tonträger
reagieren äußerst empfindlich auf Verschmutzung und Umwelteinflüsse
und bedürfen eines besonderen Schutzes.
41
2.4.3 Filme
1895 fand die erste öffentliche Filmvorführung gegen Eintrittsgeld statt.
42
Im Ersten Weltkrieg gewann das Medium Film als Propaganda und als
Lehrfilm an Bedeutung. In dieser Zeit entstanden Aufnahmen aus der-
stungsindustrie.
43
1917 wurde bei Krupp eine Kinematographische Anstalt
eingerichtet, dier das Unternehmen undr fremde Auftraggeber (heute
nicht mehr erhaltene) Filme produzierte.
44
In den Zwanziger Jahren ka-
men Industrie- oder Wirtschaftsfilme auf. Es handelte sich „um Werbe-
oder Reklamefilme, Repräsentations- und technische Lehrfilme, die zur
Kundenwerbung und Verbraucherinformation, zur Belehrung oder Unter-
haltung von Mitarbeitern oder Kunden eingesetzt wurden" (H. A. Wessel).
Der Tonfilm, der sich 1930 international durchsetzte, vergrößerte auch die
Möglichkeiten des Wirtschafts- oder Industriefilms. Walter Ruttmann ins-
Erhaltung und Restaurierung von Tonaufzeichnungen in Archiven, in: Der Ar-
chivar 40,1987, Sp. 225-244.
41
Vgl. ausführlich dazu Trumpp (wie Anm. 40) sowie das Fachorgan „Das Schall-
archiv".
42
Allgemein Gregor, Ulrich/Patalas, Enno: Geschichte des Films, München 1973;
Bucher, Peter: Der Film als Quelle. Audiovisuelle Medien in der deutschen Ar-
chiv· und Geschichtswissenschaft, in: Der Archivar 41,1988, Sp. 497-524.
43
Wessel, Horst Α.: Die Überlieferung von Filmquellen in Archiven von Institutio-
nen, Verbänden und Kammern der Wirtschaft, in: Hofmann, Paul u.a. (Bearb.):
Filmschätzen auf der Spur. Verzeichnis historischer Filmbestände in NRW, Düs-
seldorf 1994, S. 143-148, bes. S.
144;
Wessel (wie Anm. 40).
44
Köhne-Lindenlaub, Renate: Filme von Krupp. Anmerkungen zu ihrer Entste-
hung, Nutzung und Überlieferung, in: Industriefilm - Medium und Quelle. Bei-
spiele aus der Eisen- und Stahlindustrie, hrsg. von Manfred Rasch u.a., Essen
1997, S. 41-58.
2.4 Fotos und audiovisuelles Archivgut
91
zenierte mit der Ufa 1936/37 den Film „Mannesmann", den die Filmge-
schichte zu den Klassikern der Neuen Sachlichkeit zählt.
Die Unternehmen in der jungen Bundesrepublik knüpften an die Vor-
kriegstraditionen an. Die Abteilungenr Öffentlichkeitsarbeit vergaben
Aufträge, die vom Kurzfilm bis zum abendfüllenden Kulturfilm reichten.
1959 ließ die Industrie allein mehr als 1000 Dokumentarfilme produzie-
ren. Der Industrie- und Wirtschaftsfilm gewann seine eigene Tradition. Bis
zum Ende der Fünfziger Jahre herrschten Filme mit Spielhandlung vor, da-
nach orientierte sich der Aufbau vieler Filme am Ablauf des Produktions-
vorganges. In den frühen 1990er Jahren war die Zahl der Industriefilmpro-
duktionen stark rückläufig.
Aus dieser Produktion insbesondere sind Filmbestände in die Archive
der Wirtschaft gelangt. Eine Umfrage unter den Mitgliedern der VdW er-
gab 1989, daß 26 Wirtschaftsarchive Filmbestände verwahren. Eine erneu-
te Umfrage unter Wirtschafts- und Gewerkschaftsarchiven in NRW ergab
1993, daß 30 Archive rund 4000 Videofilme sowie knapp 10000 16 mm-
bzw. 35 mm-Filme besitzen.
45
Filme sind Quellenr alle erdenklichen Fragestellungen der histori-
schen Forschung. Seit Mitte der 1960er Jahre richtet sich das historische In-
teresse auch auf solche Filme, die über die politische Ereignisgeschichte
hinausreichen. Hierzu gehören auch Industrie- und Werbefilme.
46
Mit dem
Wandel in der filmarchivischen Bewertungspraxis gewinnen Archive der
Wirtschaft an Bedeutung, wenngleich hier wie in anderen Archiven der
Umgang mit der Quellengruppe Film schwerfiel. Dies hat nicht zum ge-
ringsten damit zu tun, daß nur wenige Archive über die Möglichkeiten zur
fachgerechten Lagerung, Sicherung und Restaurierung von Filmen verfü-
gen. Mittlerweile haben sich Standardsr die archivische Sicherung von
Filmen durchgesetzt. Es muß vermieden werden, daß die nur einmal vor-
handenen Stücke durch Benutzung völlig zerstört werden. Im Bundesar-
chiv-Filmarchiv besteht das „Sicherungspaket" bei Tonfilmen aus Bild-
und Tonnegativen, einem Duppositiv (Lavendel) und einer Arbeitskopie
r Vorführzwecke. Zur Lagerung sind klimatisierte Räume erforderlich.
Ältere Filme, bis zu Beginn der Fünfziger Jahre auf Nitrozellulose-Basis
produziert, müssen auf den im Gegensatz dazu schwer entflammbaren
Azetat- oder Sicherheitsfilm umkopiert werden.
45
Wessel, Überlieferung von Filmquellen (wie Anm. 43), S. 145f.
46
Bucher (wie Anm. 42), Sp. 511.

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