Schluss
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dass in den westdeutschen Bundesländern bereits jeder vierte Jugendliche nichtdeutscher
Herkunft ist, sind diese Übergriffe keine einfach zu vernachlässigende Randerscheinung
mehr.'
Vor diesem Hintergrund muss sich aber auch die Aufnahmegesellschaft fragen lassen, ob sie
r diese Entwicklung nicht mitverantwortlich ist. Fraglich ist, ob sich Einwanderer mit stark
abweichendem kulturellen Hintergrund in Deutschland wirklich neu orientieren können,
wenn sie auf einen Alltagsmultikulturalismus der Aufnahmegesellschaft stoßen, der bis an
die kulturelle Selbstaufgabe heranreicht und sich ernsthaft auf Diskussionen einlässt, ob
Nikolausbesuche oder Adventsfeiem in Kindergärten die religiösen Gefühle von mus-
limischen Kindern und Eltern verletzen könnten. Die wachsende Distanz vieler Einwanderer
zur Aufnahmegesellschaft braucht nicht nur das Resultat erlebter Diskriminierung zu sein.
Sie könnte auch eine Reaktion auf die Zwiespältigkeit, die Unbestimmtheit und die
Uneindeutigkeit der Politik eines Landes sein, das sich zwar als Einwanderungsland versteht,
aber keine Vorstellung entwickelt hat, wie mit den kulturellen Unterschieden umgegangen
werden soll. Auf der einen Seite wird den Einwanderern versichert, die Kultur, die sie mit-
brächten, sei eine Bereicherung. Im Alltag erleben die Einwanderer aber, dass in Deutschland
zumindest unterschwellig doch andere Werte gelten als die, die sie aus ihrer Herkunftskultur
mitgebracht haben, auch wenn es der Mehrheitsgesellschaft schwerfallt, ihre eigenen Werte
und Regeln offensiv zu vertreten und durchzusetzen. Statt mit klaren Bedingungen konfron-
tiert zu werden, erleben viele Einwanderer, dass sich die Aufnahmegesellschaft und ihre
Institutionen zwiespältig und im Konfliktfall nachgiebig verhalten.
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Das zwiespältige Ver-
halten der Aufnahmegesellschaft provoziert ein zwiespältiges Verhalten der Einwanderer.
Einwanderer fühlen sich durch die Kluft zwischen Bereicherungsrhetorik und Alltag abge-
wertet, reagieren gleichzeitig aber mit Gefühlen der Verachtungr die Aufnahme-
gesellschaft, die sier dekadent und schwach halten. Das wiederum führt zu der Einschät-
zung, die Normen der Aufnahmegesellschaft könnten mit Berufung auf eine vermeintlich
höhere Werteordnung, wie sie z.B. der Islam oder einzelne Nationalismen zur Verfügung
stellen, ignoriert werden. Zweifel an der Allgemeingültigkeit von Werten und Normen der
Aufnahmegesellschaft und die Unbestimmtheit der Integrationsbedingungen sind denkbar
schlechte Voraussetzungenr die Entwicklung einer gesellschaftlichen Atmosphäre, in der
soziale Integration wirklich gedeihen kann. Kommt soziale Perspektivlosigkeit hinzu, füllt
sich allmählich ein Pulverfass, dessen Explosionszeitpunkt dann nur noch von Zufall und
günstigen Umständen abhängt.
Der Ausweg aus der integrationspolitischen Konzeptionslosigkeit führt über die Entschei-
dungr eine Politik, die die Integrationsfrage rational und im Interesse der Aufnahmegesell-
schaft angeht. Voraussetzung dafür ist ein breiter, offener, von allen Beschränkungen freier
gesellschaftlicher Diskurs, der den Inhalt dieser Interessen zu erkunden hätte. Diese Voraus-
setzungen sind im Deutschland des Jahres 2010 nicht gegeben. Es ist eine unbestreitbare
Leistung des politischen Establishments und der es stützenden politischen Öffentlichkeit, die
Jugendliche nichtdeutscher Herkunft haben entweder keine deutsche Staatsangehörigkeit oder sind nicht in
Deutschland geboren oder ihre Eltem sind keine deutsche Staatsangehörigen bzw. nicht in Deutschland geboren
(Baier 2010: 12).

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