2 Die theoretische Organisations-
forschung
2.1 Organisationstheorien zwischen Erklären,
Verstehen und Gestalten
Angesichts der großen Bedeutung von Organisationen in modernen Gesellschaften verwun-
dert es nicht, dass sie zum Gegenstand vieler moderner Theorien geworden sind. Einigkeit,
was unter einer Organisationstheorie zu verstehen ist, liegt allerdings nicht vor. Vor diesem
Hintergrund lässt sich auch die Menge der Organisationstheorien von anderen (nicht-
organisationsbezogenen) Theorien in keiner Weise strikt abgrenzen. Zudem vereint die theo-
retische Organisationsforschung Analyseperspektiven und Forschungsparadigmen aus den
unterschiedlichsten Disziplinen. Hierzu zählen beispielsweise Ökonomie, Soziologie, Psy-
chologie, Sozialphilosophie und Anthropologie. Das komplexe und nur schwer überschauba-
re Feld der Organisationstheorien lässt sich daher auf keinen gemeinsamen Nenner bringen.
Grundsätzlich verfolgen Organisationstheorien jedoch das Ziel, unterschiedlichste organisa-
tionale Phänomene nach wissenschaftlichen Kriterien der Erkenntnisgewinnung zu analysie-
ren. Dabei geht es häufig darum, diese Organisationsphänomene zu erklären und somit auf
Ursachen zurückzuführen. Beispielsweise sollen die Ursachen für das Entstehen, die Exis-
tenz, den Wandel oder die Funktionsweise von Organisationen aufgezeigt werden (ähnlich
Kieser/Walgenbach 2003, S. 31). Da menschliches Handeln (auch in Organisationen) nicht
allein von Ursachen angetrieben wird, kommt in der Organisationsforschung neben dem
Erklären häufig eine zweite wissenschaftliche Analyseperspektive hinzu, das so genannte
Verstehen (vgl. z. B. Esser et al. 1977; Konegen/Sondergeld 1985). Menschliches Handeln
und die von Menschen gebildeten Organisationen werden demnach beeinflusst von alltägli-
chen Weltinterpretationen bzw. Bedeutungszuweisungen, die sozial konstruiert sind und mit
denen Menschen und Organisationen ihren Wahrnehmungsgegenständen „Sinn“ zu weisen.
Das ermöglicht ihnen erst, angemessen bzw. sinnvoll auf diese Wahrnehmungsgegenstände
zu reagieren. Organisationstheorien versuchen deshalb, Organisationsphänomene nicht nur
oder nicht immer zu erklären, sondern sie vielfach zu verstehen, d. h., den Sinn (bzw. die
sozialen Bedeutungen) deutend zu rekonstruieren. Dabei schließen sich das Erklären und das
Verstehen nicht grundsätzlich aus, denn die sozialen Bedeutungszuweisungen können auch
im Rahmen von Kausalerklärungen aufgenommen werden (vgl. dazu Esser 1991).

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