3 (Neo-)Klassische Organisations-
theorien
3.1 Überblick
In einer historisch-chronologischen Perspektive lassen sich klassische und neoklassische
Ansätze unterscheiden. Während Erstere die Anfänge der (wissenschaftlichen) Organisa-
tionstheorie zu Beginn des 20. Jahrhunderts markieren, erweisen sich Letztere als Ausdruck
einer (ersten) grundlegenden theoretischen Neuausrichtung, die nur zum Teil durch die klas-
sischen Perspektiven vorbereitet wurde.
Dabei beruhen die Anfänge der Organisationstheorie insbesondere auf zwei (klassischen)
Theoriegebäuden. Es handelt sich hierbei um
x den Bürokratie-Ansatz (vgl. Weber 1985) und
x die wissenschaftliche Betriebsführung (vgl. Taylor 1983).
Die neoklassische Neuausrichtung ist geprägt durch
x den Human-Relations-Ansatz (vgl. Roethlisberger/Dickson 1939; Mayo 1949) und
x die Anreiz-Beitrags-Theorie (vgl. Barnard 1938).
Diese Ansätze werden im Folgenden kurz vorgestellt.
3.2 Bürokratie-Ansatz
Der Bürokratie-Ansatz basiert auf den Arbeiten des deutschen Soziologen und Nationalöko-
nomen Max Weber (1864-1920). Eine umfassende Grundlegung seines Ansatzes der „büro-
kratischen Herrschaft“ erarbeitete er in seinem äußerst umfangreichen Werk „Wirtschaft und
Gesellschaft“ (vgl. 1985), das erst nach seinem Tode im Jahre 1921 veröffentlicht wurde.
Die Charakterisierung der bürokratischen Herrschaft knüpfte zwar vor allem an den sich
in der Neuzeit entwickelnden Strukturen der staatlichen Verwaltung an, eröffnete zugleich
16 Teil I: Theorien der Organisation
aber ein grundlegendes Verständnis der Funktionsmechanismen in allen großen Organisatio-
nen (vgl. auch Schreyögg 2003, S. 32).
Den Ausgangspunkt seiner Betrachtungen zu organisational relevanten Fragestellungen stellt
die aus einer soziologischen Perspektive vorgenommene Unterscheidung verschiedener Ty-
pen der Herrschaft dar, da er diese auch auf Organisationen überträgt (vgl. Weber 1985,
S. 122-176). Für Max Weber ist Herrschaft zu verstehen als „die Chance (…), für spezifische
(oder: für alle) Befehle bei einer angebbaren Gruppe von Menschen Gehorsam zu finden“
(Weber 1985, S. 122). Der Begriff der Herrschaft bezieht sich mithin auf die systematische
Bereitschaft von Menschen, den Befehlen bestimmter Personen zu folgen.
Bei Max Weber ist der Begriff der Herrschaft unmittelbar verknüpft mit dem Begriff der
Legitimität. Demnach sind es die Legitimitätsgründe, die einer Herrschaftsform – auf Dau-
er angelegte – faktische Geltung verleihen und „Fügsamkeit“ bei den Beherrschten sichern
(Weber 1985, S. 123). Allerdings verwendet Max Weber Legitimität im Rahmen seiner
Herrschaftsanalyse – im Gegensatz zu den meisten zentralen Begriffen seines Werkes „Wirt-
schaft und Gesellschaft – als nicht explizit definierten Grundbegriff (vgl. 1985; Heins 1990,
S. 13). Legitimation bezeichnet jedoch das Bemühen der Herrschenden darum, dass die
Herrschaftsausübung von den Beherrschten als gerechtfertigt eingeschätzt wird (vgl. ähnlich
Fritsch 1983, S. 34). Legitimität schafft eine zentrale Voraussetzung dafür, dass sich die
Beherrschten mit der Herrschaftsausübung identifizieren und auf dieser Basis handeln. Es
liegt somit nicht eine bloße Fügsamkeit aus Furcht vor angedrohten negativen Konsequenzen
vor (vgl. Fritsch 1983, S. 35), sondern eine darüber hinausgehende Motivation, ein Sich-
Einbringen in die Herrschaftsbeziehung. Der Legitimationsbegriff beinhaltet dabei eine aus-
geprägte subjektive Komponente. So kreist Legitimation nicht um faktische bzw. objektive
Gründe, sondern um subjektive Überzeugungen der Beteiligten, d. h. die Legitimitätsver-
ständnisse der Herrschenden und der davon Betroffenen. Dabei wird deutlich, dass Legitima-
tion im Zuge der Interaktion entsteht (vgl. Borchert 1987, S. 36). Den Legitimitätsansprü-
chen der Herrscher steht der Legitimitätsglauben der davon Betroffenen gegenüber und im
Idealfall beziehen sich Legitimitätsanspruch und Legitimitätsglaube wechselseitig aufeinan-
der.
Vor diesem Hintergrund beruht bei Max Weber die Unterscheidung zwischen den verschie-
denen Herrschaftstypen auf unterschiedlichen Legitimitätsgründen (Legitimitätsansprüchen
der Herrscher bzw. Legitimitätsglauben der Beherrschten; vgl. Weber 1985, S. 122), so dass
er schließlich zwischen einer charismatischen, traditionalen und legalen Herrschaft unter-
scheidet:
x Die charismatische Herrschaft „stellt eine streng persönlich, an die Charisma-Geltung
persönlicher Qualitäten und deren Bewährung, geknüpfte soziale Beziehung dar“ (Weber
1985, S. 142). Sie beruht auf dem besonderen Vorbild einer Person sowie der durch diese
Person geschaffenen (Herrschafts-)Ordnung.
x Die traditionale Herrschaft basiert hingegen „auf dem Alltagsglauben an die Heiligkeit
von jeher geltender Traditionen und die Legitimität der durch sie zur Autorität Berufe-
nen“ (Weber 1985, S. 124). Ihre Grundlage bildet somit der Glaube an die unbedingte
Geltung altüberkommener sozialer Ordnung und Herrschaft.

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