68 Teil I: Theorien der Organisation
14). Institutionalisierte Erwartungsstrukturen begrenzen soziales Handeln und ermöglichen
es zugleich, indem sie den Akteuren Orientierung stiften. Mit dieser Annahme haben Ber-
ger/Luckmann die soziologischen institutionalistischen Theorien maßgeblich geprägt.
Institutionalisierung wird dabei sowohl als Prozess als auch als Zustand verstanden (vgl.
Zucker 1977, S. 728). Institutionalisierung als Prozess bezeichnet den Vorgang der Verfes-
tigung sozialer Handlungen zu selbstverständlich geltenden und nicht mehr zu hinterfragen-
den Verhaltensmustern innerhalb der sozial konstruierten gesellschaftlichen Wirklichkeit, so
dass die institutionalisierten Verhaltensmuster den Individuen fortan nicht als intentional
gewählt, sondern als extern vorgegeben erscheinen. Demgegenüber bezeichnet die
Instituti-
onalisierung als Zustand
den Grad, durch den jeweils konkrete soziale Situationen durch
gemeinsam geteilte, sozial konstruierte Vorstellungen über „die“ Wirklichkeit vorstrukturiert
sind (vgl. Zucker 1983, S. 2; Walgenbach 2006a, S. 355). Institutionalisierung bewirkt dem-
nach immer die Reduktion eines reflektierten und intentional gesteuerten Handelns (vgl.
auch Walgenbach 2006a, S. 356). Der soziologische Neoinstitutionalismus richtet den Fokus
der Analyse auf dieses unreflektierte, quasi automatisch gemäß den institutionalisierten Re-
geln in einer Gesellschaft stattfindende Verhalten. Es sind die Regeln der Makroebene der
Gesellschaft, die zur Erklärung formaler Organisationsstrukturen oder des sozialen Handelns
der Individuen herangezogen werden; sie fungieren als „Schablonen des Organisierens“
(Walgenbach 2006a, S. 356) und als „Skripte“ für das individuelle Handeln. Bei Institutionen
handelt es sich aus der Perspektive des soziologischen Neoinstitutionalismus um quasi-
automatisch aktualisierte Verhaltensmuster individueller oder kollektiver Akteure (z. B.
formale Organisationen), die auf sozialen Erwartungsstrukturen beruhen, die als selbstver-
ständlich gelten (taken-for-granted-Charakter).
7.3 Organisation und institutionelle Umwelt
Der Neoinstitutionalismus analysiert formale Organisationen (z. B. private und öffentliche
Unternehmen, öffentliche Verwaltungen, Schulen, Krankenhäuser) im Rahmen ihres institu-
tionellen Kontextes und versteht diese nicht als rein technisch-rationale Werkzeuge zur Er-
füllung eines Organisationszwecks. Die Strukturen formaler Organisationen gelten primär als
Ausdruck der für sie relevanten gesellschaftlichen
Regeln und Erwartungen der instituti-
onellen Umwelt
(vgl. Meyer/Rowan 1977). Demnach existieren in einer Gesellschaft spezi-
fische institutionalisierte Regeln als Bündel von generalisierten sozialen Annahmen, Vorstel-
lungen, Erwartungen darüber, wie formale Organisationen ausgestaltet sein sollen, damit sie
schließlich als erfolgreich (z. B. effektiv und effizient) und gesellschaftlich akzeptabel gelten
können. Veränderungen in der formalen Struktur von Organisationen sind somit weniger
durch den Wettbewerbsmechanismus und Effizienzerfordernisse, sondern durch institutiona-
lisierte Regeln und Erwartungen bedingt (vgl. DiMaggio/Powell 1998b, S. 63-64).
Um dies zu verdeutlichen, unterscheiden bereits Meyer/Rowan zwischen einem technischen
und einem symbolischen Kontext formaler Organisationen (vgl. 1977, S. 353; auch Türk
1989, S. 39-42; Elšik 1996, S. 334-335). Die beiden institutionellen Kontexte stellen unter-
schiedliche Anforderungen an Organisationen, sind jedoch nur analytisch trennbar und des-

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