8 Mikropolitik und
Strukturationstheorie
8.1 Vorbemerkung
In Organisationen als arbeitsteiligen Systemen treffen unterschiedliche Aufgabenträger und
externe Beteiligte (z. B. Kapitalgeber, Gewerkschaften) mit widerstreitenden Interessen
aufeinander, die nicht selten in Ziel- und Verteilungskonflikte um die vielfach knappen Res-
sourcen geraten. Organisationen sind demnach von einem
Netz von Akteursinteressen
sowie wechselnden Koalitionen
durchdrungen, die mit den unterschiedlichsten Mitteln und
Taktiken sowie nicht zuletzt unter Einsatz von Macht ihre Interessen durchzusetzen versu-
chen (vgl. Küpper 2004). Mikropolitische Ansätze knüpfen an diesen Gemeinplätzen der
Alltagserfahrung von Menschen in Organisationen an und erheben sie zu einem Gegenstand
der Organisationsforschung.
Die klassischen Ansätze der Mikropolitik analysieren vor allem das (mikropolitische) Ver-
halten von Individuen sowie deren Interaktion. Daran anknüpfend hat insbesondere Ortmann
grundlegende Gedanken mikropolitischer Ansätze mit zentralen Annahmen der soziologi-
schen Strukturationstheorie verbunden, um über die Analyse individueller Verhaltensmuster
hinaus eine weiter gehende Berücksichtigung von Strukturaspekten zu ermöglichen (vgl.
1995). Im Folgenden werden traditionelle mikropolitische Ansätze dargestellt, um dann nach
einer Skizze der Strukturationstheorie auf den mikropolitischen Ansatz Ortmanns einzuge-
hen.
8.2 Begriff und Verständnisse der Mikropolitik
Der Begriff der Mikropolitik (bzw. „micro politics“) wurde erstmals von Tom Burns (vgl.
1961/1962) in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht (vgl. Küpper/Ortmann 1986). Er
ist als Gegensatz zu einer organisationalen Makropolitik gedacht, die auf die zukunftsorien-
tierte strategisch-langfristige Gesamtsteuerung einer Organisation gerichtet ist (vgl. Oelsnitz
1999, S. 711). Demgegenüber bezeichnet Mikropolitik die
nach innen gerichtete Politik der
organisationsinternen Akteure. Es handelt sich insoweit um eine „Politik im Kleinen“ (Neu-
78 Teil I: Theorien der Organisation
berger 1995, S. 14) bzw. „Politik in Organisationen“ (Bogumil/Schmidt 2001) oder „organi-
sationale Innenpolitik“ (Ortmann 1995, S. 32). Sie findet auf der Mikroebene der individuel-
len Akteure und Gruppen statt, während die Mesostrukturen ganzer Organisationen und die
gesellschaftlichen Makrostrukturen weit gehend unberücksichtigt bleiben. Auf der Mikro-
ebene von Organisationen etablieren sich vielfältige Entscheidungsarenen, in denen interes-
sengeleitet handelnde Akteure und ihre wechselnden Koalitionen Konflikte austragen. Im
Zuge der Koalitionsbildung kooperieren Akteure mit ähnlichen bzw. zumindest temporär
kompatiblen Zielen zur gemeinsamen Interessendurchsetzung. Zwischen den konkurrieren-
den Interessenkoalitionen finden vielfältige – auch verdeckte – Aushandlungsprozesse statt,
um temporäre Problemlösungen für Ziel- und Verteilungskonflikte zu erreichen.
Mikropolitische Prozesse sind durch die Versuche der Akteure gekennzeichnet, die Asym-
metrie der Einflussmöglichkeiten zu ihren Gunsten zu verändern, d. h., die Chancen zur
Durchsetzung ihrer Interessen zu steigern und die Chancen der Interessendurchsetzung kon-
kurrierender Akteure zu verringern. Im Mittelpunkt der Mikropolitik stehen daher nicht zu-
letzt das Machtphänomen und die Machtstrukturen in Organisationen. Bereits Max Weber
bezeichnet Macht als „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen
auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (1985, S.
28). Dahl bietet eine ähnliche Definition an: „A hat Macht über B in dem Maß, wie er B dazu
bringen kann, etwas zu tun, was B sonst nicht getan hätte“ (1957, S. 202). Weil Macht eine
der wichtigsten über konkrete Entscheidungssituationen hinaus generell einsetzbaren Res-
sourcen der mikropolitischen Akteure darstellt, wird sie und ihre Verteilung in Organisatio-
nen zu einer zentralen Dimension mikropolitischer Analysen.
Die organisationale Innenpolitik findet großteils „unterschwellig“ (Neuberger 2006, S. 277)
bzw. „hinter den Kulissen“ (Oelsnitz 1999, S. 711) statt und erfolgt somit informell. Im Vor-
dergrund mikropolitischer Analysen stehen daher nicht primär die Formalstrukturen, viel-
mehr wird der „
Eigensinn der Subjekte(Türk 1989, S. 124) betont. Die eigensinnigen
Akteure lösen sich partiell von den formalen Strukturen, begründen ineinander verzahnte
Macht-„Spiele“ (Crozier/Friedberg 1993, S. 56-76) und im Zuge ihrer Interaktion entstehen
vielfach emergente informelle Beziehungsmuster und Sinnzusammenhänge. Die Interessen-
koalitionen nehmen dabei erheblichen Einfluss auf die Entscheidungsfindung, und im Zuge
der stattfindenden Aushandlungsprozesse resultieren mitunter Entscheidungen, die von kei-
nem der Beteiligten wirklich beabsichtigt waren. Mikropolitische Ansätze geraten damit in
Opposition zu dem klassischen Rationalitätsverständnis. Entscheidungen sind nicht das Er-
gebnis von auf den Organisationszweck ausgerichteten Kosten-Nutzen-Kalkülen, sondern die
Folge von Kompromissen, interessenbedingten Manipulationen, Täuschung und anderen
mikropolitischen Einflusstaktiken (vgl. z. B. Blickle 2004a).
Auch wenn im Rahmen mikropolitischer Prozesse formale Organisationsstrukturen mitunter
temporär außer Kraft gesetzt werden, gilt die
Mikropolitik nicht prinzipiell als dysfunkti-
onal
für die Erreichung grundlegender Organisationszwecke. Mikropolitische Handlungen,
Interaktionen und Strukturen knüpfen immer an der legitimen Ordnung in einer Organisation
an und finden im Rahmen dieser statt. Darüber hinaus bewirkt Mikropolitik eine Überbrü-
ckung von Steuerungslücken, die von den formalen Strukturen nicht ausgefüllt werden.

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