Mikropolitik und Strukturationstheorie 89
dass die Frage nach deren Wirksamkeit kaum zu beantworten ist. Die Anwendung solcher
Taktiken setzt bei den mikropolitisch handelnden Individuen in der organisationalen Praxis
ein Lernen über Versuch und Irrtum voraus.
Mit dem Konzept der
strategischen Organisationsanalyse fokussieren Crozier/Friedberg
– ähnlich wie Bosetzky – vor allem auf das individuelle Handeln der Akteure. Durch den
Rückgriff auf die Spielmetapher und die Betrachtung von Machtspielen gelingt ihnen jedoch
die Berücksichtigung struktureller Aspekte. Damit überwinden sie die – noch bei Bosetzky
vorherrschende – Fixierung auf das mikropolitisch handelnde Individuum sowie dessen Tak-
tiken. In der strategischen Organisationsanalyse stehen nicht bestimmte mikropolitisch han-
delnde Persönlichkeitstypen, sondern das Wechselspiel von mikropolitischen Handlungen
und (Spiel-)Strukturen im Vordergrund der Betrachtung. Es geht auch nicht darum, den indi-
viduellen Erfolg des mikropolitischen Handelns der Akteure zu beurteilen (vgl. Witt 1998, S.
50), sondern das Zusammenspiel von mikropolitischen Handlungsstrategien und übergrei-
fenden organisationalen Strukturen zu klären. Die Analysen von Bosetzky und Crozier/Fried-
berg schließen sich nicht grundsätzlich aus, sondern können sich sogar ergänzen.
Die strategische Organisationsanalyse bietet im Vergleich zur klassischen Machtdefinition
bei Max Weber einen
differenzierteren Machtbegriff, der stärker auf die Quellen der
Macht fokussiert. Mitunter wird Crozier/Friedberg jedoch vorgeworfen, dass die hervorge-
hobenen Machtquellen (Expertenwissen, Kontrolle von Informationskanälen bzw. Umwelt-
schnittstellen, Nutzung organisatorischer Regeln) auf rein organisatorische Aspekte abstellen
und andere Einflüsse (z. B. persönliches Charisma, sozialstrukturell bzw. politisch begründe-
te Macht) vernachlässigen (vgl. auch Türk 1989, S. 131-135).
Hinsichtlich der Analyse der
Steuerungswirkungen formaler Strukturen in Organisatio-
nen nehmen Crozier/Friedberg eine vermittelnde Position ein. Sie lehnen zwar eine vollstän-
dige Steuerung menschlichen Verhaltens durch die formale Organisationsstruktur ab, weisen
aber den formalen Regeln wesentliche Einflüsse auf das Verhalten der Akteure zu. Sie ge-
langen so zu einer recht ausgewogenen Einschätzung der Effektivität formaler Organisati-
onsstrukturen und eröffnen – z. B. im Vergleich zu den (neo-)klassischen Ansätzen der Or-
ganisationstheorie – eine differenzierte Analyseperspektive. Jedoch ergibt sich die formale
Organisationsstruktur als Resultat der überwiegend informalen mikropolitischen Prozesse
(vgl. Walter-Busch 1996, S. 255).
8.4 Mikropolitik aus strukturationstheoretischer
Perspektive
8.4.1 Vorbemerkung
Während die organisationspsychologisch geprägten Überlegungen Bosetzkys primär auf die
Analyse persönlichkeitsbezogener Fragen und den Typus des Mikropolitikers ausgerichtet

Get Organisation now with O’Reilly online learning.

O’Reilly members experience live online training, plus books, videos, and digital content from 200+ publishers.